Aus dem Nähkästchen

Brillenmanufaktur aus Bochum plant Kohle-Gestell

Qual der Wahl: Susanne Luks, die Frau von Goldschmied Alexander Luks, mit einigen Modellen der Brillenmanufaktur BO44.

Qual der Wahl: Susanne Luks, die Frau von Goldschmied Alexander Luks, mit einigen Modellen der Brillenmanufaktur BO44.

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services

Bochum.  Die Manufaktur BO44 in Bochum stellt noch selbst Brillen her. Zwei Goldschmiede fertigen alle Gestelle in Handarbeit und entwickeln neue Ideen.

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Alexander Luks ist Brillenträger. Das sieht man an dem Gestell auf seiner Nase. Und seine Geschäftspartnerin? „Ich normalerweise auch“, sagt Tanja Wagener schmunzelnd und schaut sich im Büro in Bochum suchend um. „Ich weiß nur nicht, wo sie hin ist.“ Die 45-Jährige ist ein großer Brillen-Profi, aber das ändert nichts daran, dass auch sie mal die Gläser verlegt. Ihre Manufaktur BO44 (BO steht für Bochum, 44 ist der Anfang der Postleitzahl) zählt zu den ganz wenigen Firmen in Deutschland, die noch selber Brillen herstellen.

Wagener und Luks sind eigentlich gelernte Goldschmiede. Beide haben zeitversetzt bei einem Optiker in Hattingen angefangen. „Es gibt nicht den Beruf ,Brillenbauer’“, erklärt Wagener den Weg. In Lüdenscheid haben sie sich dann bei einem anderen Arbeitgeber kennengelernt. Aber der Optiker habe zunehmend in China produzieren lassen. Die Qualität gefiel den beiden nicht. Luks sagt lächelnd: „Da sind wir auf die doofe Idee gekommen, es selber zu machen.“

Warum war die Selbstständigkeit Anfang 2010 zunächst keine gute Idee? „Wir sind Handwerker, wir haben kein BWL studiert“, sagt Luks. „Man kann das geilste Produkt haben, wenn man keinen hat, der es verkaufen kann, geht es unter.“ Aber dann knüpften sie Kontakte, lernten Karl Seher kennen. Der 71-Jährige kennt die Branche und den Vertrieb. Luks: „In den letzten vier Jahren können wir nicht klagen.“

Modeaccessoire statt Medizinprodukt

In der Kindheit des heute 36-Jährigen war eine Brille eher ein Medizinprodukt als ein Modeaccessoire, das man farblich auf die Kleidung abstimmt. Als Teenager weigerte sich Luks, die hässlichen Gestelle zu tragen. Die ersten Brillen, die er damals beim Optiker in Hattingen herstellte, machten da schon mehr her: Schmuckbrillen, teilweise mit Swarovski-Steinen. „Da gab es noch so viel Chichi“, sagt Wagener. „Jetzt machen wir genau das Gegenteil.“ Sehr geradlinig wirken die Gestelle von BO44, nicht so verspielt. Wagener: „Der Trend geht wieder mehr zu randlosen Brillen, es wird filigraner.“ Luks: „Die Formen werden größer, aber die Gestelle minimalistischer.“

Das Team arbeitet mit Edelstahl und Acetat. „Unter den Kunststoffen ist es das umweltverträglichste überhaupt“, so Luks. Baumwolle oder Buchenholz sind oft die Basis für dieses Material. „Es lässt sicht gut fräsen, feilen, polieren.“ Sie beziehen es aus Italien. Luks: „Da sitzen noch viele Hersteller von Rohmaterial.“ Werden Gestelle lackiert, gibt BO44 das bei einer Firma in Süddeutschland in Auftrag. Den Rest machen sie selbst in der Werkstatt auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Hannibal.

Brille aus dem 3D-Drucker

Sechs Monate dauert die Entwicklung einer neuen Brille – „mindestens“, so Luks. Am Anfang ist eine Skizze. Sie wird auf den Computer übertragen und am 3D-Drucker ausgedruckt. Mit diesem Muster können sie prüfen: Ist das Modell zu klein, zu breit oder genau richtig?

Später wird die Fassung computergesteuert aus einer Acetat-Platte gefräst und leicht gebogen. In drei Trommeln wird sie je 24 Stunden geschliffen und poliert. „Danach bearbeiten wir jede Fassung per Hand“, so Wagener. Sie poliert das Material noch einmal zehn Minuten, damit die Flächen auch ganz glatt sind. Dann montiert sie das Gestell. Winzige Schräubchen, filigrane Stege – für diese feine Arbeit benötigt man sehr gute Augen oder eben eine Brille. Ein Scharnier haben sie sich patentieren lassen: Damit lässt sich das Gestell anpassen, ohne dass der Optiker eine Zange in die Hand nehmen muss.

Auswahl an Bügeln

Seher: „Wir arbeiten nicht auf Lager, sondern auf Bestellung.“ Der Optiker ordert Brillenfassungen, mit denen sich Kunden im Spiegel betrachten können. Gefällt die Farbe noch nicht, können sie im Katalog zwischen verschiedenen Mustern und Bügeln wählen. Und wenn jemand etwa einen sehr breiten Kopf hat, passt BO44 das Gestell entsprechend an.

Die Brillen von BO44 verkaufen traditionelle Optiker in Deutschland, der Schweiz, den Beneluxländern und vereinzelt in Japan. In Filialen von Ketten findet man die Gestelle aus Bochum jedoch nicht. Die kleine Firma könnte die großen Margen nicht liefern. Und: „Wir stellen in Deutschland her“, so Seher. „Da kann man den Preis nicht drücken.“ 350 bis 420 Euro kostet ein Gestell.

Mittlerweile hat Tanja Wagener ihre Brille gefunden. Sie stammt aus der Kollektion Lealeks und trägt den Namen „A40“. Bei aller Verbundenheit mit der Heimat: „Die Bezeichnung hat nichts mit der Autobahn zu tun.“

>>> Mein Lieblingsteil

Das BO44-Team bekennt sich zu den Wurzeln des Ruhrgebiets und zeigt sich auf Messen als Firma aus der Bergmannsregion. Dort tragen sie gerne Klamotten der Gladbecker Marke „Grubenhelden.“ Das Hemd mit den typischen blau-weißen Streifen ist Luks Lieblingsteil. Wagener schlüpft oft in den blau-grauen Poncho. Der hat zwar nichts mit dem Bergbau zu tun, ist aber schön weich. Luks experimentiert zurzeit an einer neuen Brille, die er so schleifen will, dass das Acetat am Ende so aussieht als wäre es Kohle.

>>> Mein Stylingtipp

Weniger ist mehr – der Tipp gilt auch für die Brillen, so das Team von BO44. „Eine auffällige Brille steht nicht jedem“, sagt Tanja Wagener. Hat man sich trotzdem für eine Brille entschieden, die sofort ins Auge sticht, empfiehlt die Goldschmiedin, den Rest etwas zurückzunehmen. „Ein auffälliges Teil reicht, dann muss man nicht noch einen großen Hut tragen.“

Die Brillen gibt es nur beim Optiker. BO44 gibt per Mail Auskunft über die Anbieter: kontakt@bo44.de (bo44.de)

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