Corona-Krise

Coronavirus: Mediatorin fürchtet mehr Gewalt gegen Kinder

Das gibt ordentlich Zoff: Man muss nicht ständig auf Krawall gebürstet sein, damit einem mal der Kragen platzt, so wie Katz und Maus in „Tom und Jerry - Der Film“ (Warner Kids, auf DVD oder im Stream erhältlich). Aber in Corona-Zeiten liegen bei vielen die Nerven blank.

Das gibt ordentlich Zoff: Man muss nicht ständig auf Krawall gebürstet sein, damit einem mal der Kragen platzt, so wie Katz und Maus in „Tom und Jerry - Der Film“ (Warner Kids, auf DVD oder im Stream erhältlich). Aber in Corona-Zeiten liegen bei vielen die Nerven blank.

Foto: Warner Bros. Entertainment

Oberhausen.  Wenn Menschen wegen des Coronavirus enger zusammenrücken, droht Streit. Mediatorin Sabine Sauerborn fürchtet sogar mehr Gewalt gegen Kinder.

Ein paar Nachrichten aus dieser Woche: In Dinslaken warf ein Supermarktkunde der Kassiererin ein Paket Nudeln an den Kopf, als diese gerade einen Artikel stornierte, anschließend ging er auf sie los; in Duisburg eskalierte ein Streit an der Fleischtheke; in Mülheim kam es zu Handgreiflichkeiten, weil zwei Männer darüber stritten, wer die Familienparkplätze vor dem Supermarkt nutzen darf. Die Nerven liegen blank – nicht nur am Aggressionspunkt Supermarkt. Auch daheim steigt das Konfliktpotenzial, weil viele Menschen jetzt enger und länger aufeinander hocken. Höchste Zeit, mal nachzufragen bei jemandem, der sich wirklich mit Streitigkeiten auskennt – und der weiß, wie man sie aus der Welt schafft. Sabine Sauerborn (50) macht das beruflich, sie schlichtet als Mediatorin Situationen, in denen es ordentlich funkt. Sie fürchtet, dass die Aggressionen in der Gesellschaft in den kommenden Woche zunehmen werden - und dass die Gewalt gegen Kinder steigt.

Viele von uns rücken gerade stärker mit ihren Lieben, aber auch mit anderen Menschen zusammen. Ist Streit da unvermeidbar?

Wer jetzt den ganzen Tag zu Hause ist, muss mit vielen Herausforderungen kämpfen: Langeweile, das Gefühl des Eingesperrtseins, die unbestimmte Wahrnehmung, dass man vermeintlich wichtige Dinge gerade nicht in Angriff nehmen kann. Ganz zu schweigen davon, dass es auch räumlich eng werden kann, wenn man mal ein bisschen Raum für sich selbst braucht. Sabine Sauerborn weiß: „Die Menschen haben von Natur aus ihre Bedürfnisse. Sie brauchen Freiraum, persönlichen Kontakt oder auch Hautkontakt. Außerdem haben sie das große Bedürfnis nach Sicherheit und Klarheit. Und das kann im Moment nicht so erfüllt werden wie sonst.“ Solange es keine Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, keine Engpässe in der Versorgungslage und eine klare, positive Richtung gibt, in die sich unsere Lage entwickelt, ist das auch gar kein Problem. „Wir kennen ja die normalen Strategien, wie wir im Alltag damit umgehen. Wir ziehen uns mal aus allem raus. Wir gehen zum Sport oder sonst wohin. Vieles davon ist derzeit nicht mehr möglich. Das heißt, das Konfliktpotenzial bleibt zu Hause und in der Familie. Und ich denke, dass viele Menschen einfach keine guten Strategien haben, damit umzugehen. Weil sie das nie geübt haben. Wir brauchen diese Strategien ja sonst nicht. Das führt dazu, dass im privaten Bereich mehr Streit zu erwarten ist.“

Warum passen wir nicht schnell unsere Gewohnheiten an, damit wir entspannter werden?

Bis sich Gewohnheiten verändern und sich fest im Kopf verankert haben, braucht man viele Monate und zig Wiederholungen, egal in welchem Bereich. Wer regelmäßig Sport treiben will, so sagt man, muss mindestens zwölf Wochen ganz diszipliniert sein Programm durchhalten, weil er nicht zurück in den alten Trott verfallen will. Das gilt natürlich auch in anderen Teilen des Lebens. Die Mediatorin: „Im Moment beobachte ich, dass die Menschen ihre Gewohnheiten meist noch nicht angepasst haben. Als ich gestern einkaufen war, sah ich zwei ältere Damen, die jedes Gemüse mit Fingern angefasst haben. Da denke selbst ich: Es ist so viel im Fernsehen und in der Presse, da hätte man schon mitbekommen können, dass das nicht gut ist. Aber bis das im Kopf ankommt und sich umsetzt in anderes Verhalten, das dauert unglaublich lange.“

Wird sich die Lage in den Familien verschärfen?

„Ich denke schon, dass es in den Familien sehr, sehr große Konflikte geben wird, falls es zu Ausgangssperren kommt. Im Moment hat man ja noch die Möglichkeit, rauszugehen und sich aus dem Weg zu gehen“, so Mediatorin Sauerborn. Gerade wenn Kinder mit einer Situation nicht umgehen können, werden sie mitunter selbst für sehr geduldige Eltern zu einer nervlichen Belastung, denn sie können ihre Impulse noch nicht kontrollieren. Sauerborn: „Meine größte Befürchtung ist, dass es zu viel mehr Gewalt an Kindern kommt.“

Was kann man tun, um einen Konflikt gut beizulegen?

Man sollte sich immer wieder klarmachen, dass der andere einem nichts will. „Das Gegenüber tut gerade nur das, was es am besten kann. Da gehört natürlich Reflexion dazu und die einfache Überlegung: Wie können wir es trotzdem noch schaffen, uns Freiräume zu ermöglichen. Es ist ganz wichtig, dass die Menschen verstehen: Dein Partner möchte dich nicht ärgern, aber der weiß gerade auch nicht, wohin mit seinen Aggressionen und Ängsten“, so die Expertin.

Was ist mit Jugendlichen, die sich nichts sagen lassen wollen?

Angesichts dessen, dass Jugendliche meist ohnehin ihr Handy kaum aus der Hand legen, bleibt die Mediatorin da gelassen: „Kinder und Jugendliche haben überhaupt kein Problem mit dem Kontaktverbot, die kommunizieren ohnehin zu 90 Prozent über soziale Medien. Dann sollen sie es eben bitte auch ganz tun. Die werden nicht nach vier Wochen krank werden, nur weil sie drei Stunden länger am Tag vorm Computer sitzen.“

Aber wollen Jugendliche nicht rebellieren?

Hier ist ein Problempunkt in der derzeitigen Situation auszumachen. „Die Jugend muss sich immer erst noch ausprobieren. Und erst durch schlechte Erfahrungen entwickelt es sich, dass sie sich irgendwann an Regeln halten“, sagt Sauerborn. Deshalb treffen sich die Jugendlichen derzeit oft weiterhin in Gruppen, obwohl das schädlich ist.

Wie kann ich Streit abwenden oder entschärfen?

Was Sabine Sauerborn dazu einfällt, klingt in der ersten Sekunde vielleicht nach einer Binse, ist aber zeitlos richtig: „Zehn Mal gut durchatmen! Ohne irgendetwas zu sagen. Meine Idee ist, in dieser Zeit einfach mal zu gucken, was gerade bei mir passiert. Der Blick sollte erst mal auf mich selbst gerichtet sein und nicht auf den anderen.“ Dies sieht die Mediatorin aber auch als gesellschaftliche Herausforderung: „Wenn die Menschen das generell besser könnten, dann hätten wir insgesamt viel weniger Probleme.“

Hilft es, dem Gegenüber gut zuzuhören? Kann man darin besser werden?

„Das größte Problem ist, dass wir oft verlernt haben, uns selber zuzuhören. Es gibt Menschen, die können anderen sehr gut zuhören, das kommt aber trotzdem nicht bei ihnen an, eben weil sie verlernt haben, sich erst mal selber zu spüren“, so Sauerborn. Das gilt natürlich auch für körperliche Reaktionen. Angst und Unsicherheit haben Auswirkungen auf den Körper, Anspannung und Stress ebenso. Was tun, wenn man verkrampft? „Da kann ich versuchen, diese Anspannung zu lösen, zum Beispiel bei der Gesichtsmuskulatur. Die ist bei Menschen mit Anspannungen sehr angestrengt. Wenn ich die muskulären Anspannungen lockere, werde ich automatisch auch innerlich wieder locker.“ Wer seine Fäuste geballt habe, dem könne das Durchatmen dabei helfen, sich selbst aus der Helikopterperspektive zu betrachten.

Werden die Streitigkeiten unter Nachbarn zunehmen?

Gerade in Mietshäusern lebt man oft eher zufällig mit vielen Menschen zusammen, die man manchmal nur vom Grüßen im Treppenhaus oder vom Annehmen eines Pakets her kennt. Wer derzeit im Haus bleiben muss, bekommt dadurch oft mehr von seinen Nachbarn mit als normalerweise. Das kann natürlich auch zu mehr Streit führen. Sauerborn: „Das kann besonders vorkommen, wenn der Nachbar irgendwann der einzige ist, bei dem man seinen ganzen Frust und Ärger noch ablassen kann. Ich denke, es gibt überhaupt keinen Bereich, der davon nicht betroffen sein wird.“ Da kann es schon helfen, dem Nachbarn einfach mal Hilfe anzubieten, ihm vielleicht etwas von einem Einkauf mitzubringen oder ihn nach seiner Befindlichkeit zu fragen, falls er sich vielleicht gerade einsam und verlassen in der Situation zu Hause fühlt.

  • Sabine Sauerborn aus Oberhausen ist seit 2013 Mediatorin mit Zertifikat und Vorstandsmitglied im Verein Mediation Rhein Ruhr (mediation-rhein-ruhr.com), einem Zusammenschluss von Mediatoren. Sie ist auch im Vorstand des Zentralverbands Mediation Deutschland (zvmd.de), der Mediatoren in Ihrer Nähe vermittelt.
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