Kindheit international

Das geben ausländische Eltern hier ihrem Nachwuchs weiter

Kindheit international: Wie haben Eltern mit Migrationshintergrund ihre Kindheit erlebt, was geben sie an ihre eigenen Kinder weiter?

Kindheit international: Wie haben Eltern mit Migrationshintergrund ihre Kindheit erlebt, was geben sie an ihre eigenen Kinder weiter?

Foto: MATTHIAS GRABEN / FUNKE Foto Services

Witten/Bochum.  Von Klans und Karibus: Mütter und Väter mit Migrationshintergrund erzählen, was sie vermissen und was sie an der Erziehung hierzulande schätzen.

„Glück ist das wesentliche Erziehungsziel: Darauf können sich Eltern weltweit über alle Sprachen, Kontinente und Kulturen verständigen“, schreibt die Sozialwissenschaftlerin Michaela Schonhöft in ihrem Buch „Kindheiten: Wie kleine Menschen in anderen Ländern groß werden“. „Doch sie haben auch sehr genaue Vorstellungen davon, wie dieses Glück zu erreichen ist, durch Erfolg in der Schule, Loyalität dem Klan gegenüber, Geschick beim Erlegen eines Karibus oder durch eine Karriere als Profifußballer. (…) Kinder haben sich dem Rhythmus der Welt anzupassen, die die Erwachsenen geschaffen haben.“

Unterscheiden sich Kindheiten also voneinander, je nachdem in welchem Land sie verbracht werden? Wir haben mehrere Menschen befragt, die ihre Kindheit in einem anderen Land erlebt haben und in Deutschland selbst Kinder großziehen. Inwiefern unterscheidet sich ihre Kindheit von der ihrer Kinder? Was geben sie ihren Töchtern und Söhnen weiter? Und was schätzen sie an der Erziehung in Deutschland?

„Meine Kinder dürfen uns widersprechen“

Fexhrije Rama (38) wuchs im Kosovo auf. Nach Deutschland kam sie 2001, nachdem sie einen Mann geheiratet hatte, der ebenfalls im Kosovo geboren wurde, aber schon einige Jahre in der Bundesrepublik lebte. Gemeinsam bekamen sie drei Kinder, die heute 17, 15 und zwölf Jahre alt sind. Die Familie lebt in Witten. Vor allem Mädchen haben im Kosovo wenig zu sagen, erzählt Fexhrije Rama. „Meine Oma hat ihr ganzes Leben nichts gesagt. Als Kind musst du still sein, später als Schwiegertochter dann auch und wenn du alt bist, denken die Leute, dass man eh keine Ahnung hat.“ Als Frau sei man zuständig fürs Kochen und Kinder kriegen. „Hier darf man alles sagen, das finde ich gut.“ Aufgewachsen ist sie in einem kleinen Dorf, gemeinsam mit neun Geschwistern, zwölf Kühen, 500 Hühnern, Feldern und einem Vater, der nur ein Bein hatte. Da gab es immer viel zu tun. „Wir haben alles selber gemacht und auch die Wäsche von Hand gewaschen“, erzählt Fexhrije Rama, die heute in einer Einrichtung für sozial benachteiligte Kinder arbeitet.

Bis zur achten Klasse ging sie zur Schule, dann kam der Krieg „und es ist alles abgebrannt“. Als ihr künftiger Mann, der auf der Flucht vor dem Bosnienkrieg von einer thüringischen Familie aufgenommen worden war, zu Besuch kam, ließ sie sich nur zu gerne von einer Freundin verkuppeln. „Mein Mann hat durch diese Familie sehr viel gelernt, dass es auch anders geht“, sagt Fexhrije Rama nachdrücklich. „Als Kind wurde ich oft ungerecht behandelt“, erinnert sie sich. „Aber ich habe mir geschworen, wenn ich groß bin, will ich es anders machen. Wenn ich eigene Kinder habe, werde ich sie nicht schlagen. Und dass sie ihre Meinung sagen dürfen.“ Ihre Kinder sollten nicht geboren sein, um Kühe zu melken, sondern sie sollten ihre Kindheit genießen dürfen. Was die Wittenerin allerdings in ihrer neuen Heimat vermisst, ist Optimismus und Ermutigung. „Hier heißt es immer, ‚warum haste nicht, warum kannste nicht‘. Mein Vater hat uns Kinder immer motiviert, egal was war. Er sagte immer: ‚Wenn ich das mit einem Bein schaffe, dann schaffst du das mit zwei Beinen locker.’“

„In meiner Kindheit lag der Fokus nicht auf den Kindern“

Aufgewachsen in einem kleinen 200-Familien-Dorf nahe der anatolischen Berge kam Erol Karakurt (48) mit neun Jahren nach Bochum. Damit war die Familie mit dem Vater, der schon 1971 als Gastarbeiter eingewandert war, wieder vereint. Heute hat er zwei eigene Kinder, knapp drei Jahre und drei Monate alt. Im Nachhinein verklärt man viel, dessen ist sich Erol Karakurt bewusst. Trotzdem erinnert er sich gerne an seine Kindheit mit fünf Geschwistern in der Türkei. Sie waren drei Jungs und drei Mädchen. Erol Karakurt ist der Zweitgeborene: „Die Kinder wurden eingebunden in die Arbeit, mussten im Haushalt mithelfen, vor der Schule den Ofen anzünden oder Frühstück machen. Wir standen um vier Uhr auf, nahmen Proviant mit und waren dann den ganzen Tag draußen“, erinnert sich der Mann, der heute als selbstständiger Datenschutzbeauftragter arbeitet. „Das war so ein bisschen heidi-mäßig, ohne dass wir Heidi damals kannten.“ Das ganze Dorf erzog die Kinder mit, jeder guckte und achtete auf die anderen. Damals gab es in dem Dorf keinen Strom oder fließend Wasser. Abends erzählten die Erwachsenen am Ofen Geschichten. „Oft haben auch viele Leute in einem Raum geschlafen. Das war richtig gelebte Märchenwelt.“

In Deutschland vermisst Erol Karakurt die große Gemeinschaft. „Ich wünsche mir, dass die Kinder selbstverständlicher mit dabei sind.“ In Anatolien damals war er abends auch schon mal auf dem Schoß seiner Großeltern eingeschlafen. „Die Kinder stehen heute sehr im Fokus der Erwachsenen, ohne dass sie entspannt aufwachsen können.“ Im Gegensatz zu der Dorfgemeinschaft liege die Verantwortung auch ausschließlicher auf den Eltern oder dem Kindergarten. Seinen eigenen Kindern möchte er viel Raum für Fantasie lassen, dass sie Kinder sein können. Mindestens einmal im Monat gibt es große Familientreffen und mit den Nachbarn, die ebenfalls Kinder haben, ist die Familie sehr eng. „Ich möchte den Spieltrieb meiner Kinder fördern und nicht so viel mit Verboten hantieren“, sagt Erol Karakurt. „Kinder sollen Fehler selber korrigieren, zum Beispiel auch mal fallen dürfen.“ Und im Gegensatz zu seinem eigenen Vater möchte er bei seinen Kindern sehr präsent sein. „Es ist gut, wenn die Verantwortung nicht nur einer Figur aufgebürdet wird.“

„Kinder hatten zu Hause nicht viel zu suchen“

Bis sie 20 Jahre alt war, lebte Frtuna Berhe in einem kleinen Dorf in Eritrea, etwa 30 Kilometer nördlich der Hauptstadt Asmara. Heute wohnt die 26-Jährige gemeinsam mit ihrem Mann Tesfai Ghebray (35), der aus dem gleichen Dorf stammt, und den Kindern, 3 und fast 2 Jahre alt, in einer Wohnung in Witten. In Eritrea fand das Leben draußen statt. Die Kinder übernahmen kleine Aufgaben, sie sammelten Holz für das Feuer oder Kuhfladen oder holten Wasser. Ab dem siebten Lebensjahr hatten sich die Großen um die Kleinen zu kümmern. „Wir wuchsen ganz anders auf“, erzählt Frtuna Berhe. „Als Kinder hatten wir zu Hause nicht viel zu suchen. Wir spielten draußen. Auch die Nachbarn galten als Familienangehörige und erzogen mit.“ Als jüngstes von sechs Kindern wurde sie vor allem von ihren Geschwistern aufgezogen. Später kümmerte sie sich um die Kinder ihrer Geschwister.

„Früher gab es keinen Kindergarten“, erinnert sich Tesfai Ghebray. „Die Kinder blieben zu Hause und passten auf die Schafe oder die Kühe der Nachbarn auf.“ Alle Familien im Dorf lebten von der Landwirtschaft. Dass das Leben draußen stattfand und man keine Termine machen musste, das vermisst das Ehepaar in Deutschland. Während in ihrer Heimat jeder jedem half, wendet man sich hier an die Institutionen. „In Eritrea kümmert sich jeder um jeden, um die Tradition der Familie weiterzugeben“, sagt Tesfai Ghebray. „Wir lebten von der Erzählung der Älteren, die das Wissen weitergaben. Das ist ein Schatz, der nicht jedem zuteil wird.“ Über Youtube versucht Frtuna Berhe ihren Jungs die Sprache, Kultur und die Tänze ihrer Kindheit weiterzugeben. Sie erklärt ihnen auch, wie die Familien in Eritrea zusammenleben. „Marshall geht aber auch in den Kindergarten, damit er die Strukturen hier beigebracht bekommt“, sagt sie. „Wir versuchen, uns zurechtzufinden und uns zu integrieren.“ Besonders schätzt das Paar die Warmherzigkeit der Deutschen und ihre Hilfsbereitschaft, vor allem Kindern gegenüber. Tesfai Gebray: „Kinder wachsen hier vitaminreich, gesund und vor allem weltoffen auf, das schätzen wir sehr.“

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