100 Jahre Frauenwahlrecht

Der lange Weg zu gleichen Rechten: 100 Jahre Frauenwahlrecht

Ausschnitt eines SPD-Wahlplakats von 1919

Ausschnitt eines SPD-Wahlplakats von 1919

Foto: Historisches Museum Frankfurt

Essen.   Freie Wahlen für Frauen – Was heute in Deutschland selbstverständlich erscheint, erstritten Aktivistinnen in einem jahrzehntelangen Kampf.

Mitten in einem Meer aus Schnauzbartträgern sitzt eine Frau und schaut selbstbewusst in die Kamera: Minna Deuper. Diesen fotografischen Postkarten-Gruß schickt sie 1912 ihrer Tochter Luise. Als Essener Delegierte nimmt sie am SPD-Parteitag in Chemnitz teil. Nur vier Jahre, nachdem es Frauen überhaupt erlaubt ist, sich in Parteien zu engagieren. Und sechs Jahre, bevor Frauen endlich wählen dürfen.

Mit der Revolution kommt auch das Frauenwahlrecht: Am 12. November vor 100 Jahren verkündet der Rat der Volksbeauftragten – die damalige provisorische deutsche Regierung – das gleiche, geheime, direkte Wahlrecht für alle. Der Gesetzestext lautet: „Wahlberechtigt sind alle deutschen Männer und Frauen, die am Wahltag das zwanzigste Lebensjahr vollendet haben.“ Doch der Weg bis zur Wahl war lang. Ohne den unermüdlichen Einsatz von mutigen Frauen wäre diese Geschichte der Demokratie nicht möglich gewesen, betonen heute Historikerinnen.

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ lauten die Ideale der Französischen Revolution. Die Frauen merken jedoch, dass sie nicht Teil dieser Gesellschaft der Gleichen werden sollen. Das prangert 1791 Olympe de Gouges in ihrem Buch an: „Die Rechte der Frau“. Wegen ihrer politischen Meinung verliert sie ihr Leben: Zwei Jahre später wird sie auf der Guillotine hingerichtet.

„Menschenrechte haben kein Geschlecht“

Ihr Tod verhindert jedoch nicht, dass Frauen umdenken: Louise Otto aus Meißen kritisiert im Zuge der bürgerlichen Revolution 1848 in ihrer „Frauen-Zeitung“ die Geschlechter-Ungerechtigkeit: „Wo sie das Volk meinen, zählen Frauen nicht mit.“ Und die Schriftstellerin Hedwig Dohm aus Berlin fordert 1876 in ihrem Werk „Der Frauen Natur und Recht“ ein Stimmrecht für Frauen: „Die Menschenrechte haben kein Geschlecht“.

Im deutschen Kaiserreich hängt das Wahlrecht von der Steuerleistung ab. Da Frauen damals jedoch zum größten Teil nicht steuerpflichtig sind, dürfen sie nicht wählen, so Historikerin Bettina Bab vom Frauenmuseum in Bonn. Die Gegner des Frauenwahlrechts behaupten zudem, es sei gegen die „Natur“ der Frau, sich politisch zu engagieren. Sie würde sonst die Familie vernachlässigen. Eine Frau gehöre ins Haus. „Die Frau gehört nicht mehr ins Haus, sie gehört in dieses Haus: den Reichstag“, widerspricht Minna Cauer. Sie leitet den Verein „Frauenwohl“, der die erste Versammlung bürgerlicher Frauen zum Frauenwahlrecht 1894 in Berlin organisiert. Dabei ist es ihnen verboten, sich zu politischen Versammlungen zu treffen.

Das gilt auch für Wilhelmina Deuper in Essen. Doch die Frau, die alle Minna nennen, tarnt solche Versammlungen als Kaffeeklatsch oder Geburstagsfeier. Am 6. Januar 1904 lädt sie in das Lokal Borussia an der Rottstraße ein – er gilt als der Gründungstag der sozialdemokratischen Frauenbewegung in Essen.

Unter ihrem Rock versteckte sie Flugblätter

Wenn die Tochter eines Krupp-Arbeiters durch die Straßen eilt, denken Essener Polizisten, die zehnfache Mutter sei wieder schwanger. Doch unter ihrem Rock versteckt sie Flugblätter. Trotzdem wird die Polizei misstrauisch gegenüber Minna und ihrem Mann Friedrich. So schreibt der Historiker Ernst Schmidt in dem Essener Jahrbuch von 1990 über die Familie Deuper: „Bis zum Jahre 1912 haben sie insgesamt 19 Mal die Wohnung wechseln müssen. Nicht selten deshalb, weil so mancher Hausbesitzer nicht einen Sozialdemokraten beherbergen wollte.“

Die SPD nimmt 1891 als erste Partei die Forderung nach dem Frauenstimmrecht in das Parteiprogramm auf. Allerdings bleibt sie zunächst folgenlos. 1911 organisiert die Sozialdemokratin Clara Zetkin mit anderen Genossinnen den ersten Internationalen Frauentag – auch als Kampftag für das Frauenstimmrecht. Reformerinnen wie die Sozial-Forscherin Li Fischer-Eckert aus Hagen gründen Vereine, die das Wahlrecht zum Ziel haben. Vertreterinnen der bürgerlichen Bewegung und Sozialistinnen sind sich nicht durchweg einig, wie sie es erreichen sollen. Doch die Frauen in Deutschland ringen nicht allein ums Wahlrecht. Sie vernetzen sich über Ländergrenzen hinweg. Der Bund Deutscher Frauenvereine lädt 1904 erstmals in Berlin zum Internationalen Frauenkongress ein.

Der Kampf der deutschen Frauen ist nicht so militant wie etwa der in Großbritannien, die erst 1928 das uneingeschränkte Wahlrecht erlangen. Dort wollen Aktivistinnen ihre Forderungen nicht nur mit Demonstrationen und Versammlungen, Petitionen und Flugblättern durchsetzen. Weil man den Suffragetten kein Gehör schenkt, werfen sie Fenster ein, zerschneiden Telegrafenkabel, gehen ins Gefängnis, werden dort zwangsernährt.

Sie kritisiert lautstark – und wird deswegen bestraft

Die Frauen in Deutschland kämpfen mit Worten – doch auch diese können gefährlich sein: Minna Deuper kritisiert bei einer Versammlung in Werden lautstark die Brotpreiserhöhung. Die arbeitenden Menschen würden von den Mächtigen über den Tisch gezogen. Werdens Bürgermeister fühlt sich angegriffen und verklagt Minna Deuper. Sie wird zu einer Geldstrafe verurteilt. Dem Gefängnis entgeht sie nur, weil Essener Sozialdemokraten für sie Geld sammeln.

Die Juristin Anita Augspurg aus Hamburg gibt 1907 erstmals die „Zeitschrift für Frauen-Stimmrecht“ heraus. Ein Jahr später wird das Preußische Vereinsrecht aufgehoben. Nun dürfen sich Frauen endlich in politischen Parteien engagieren. Aktivistinnen unterstützen Parteien, auch im Wahlkampf. In dem Protokoll zu den Verhandlungen des SPD-Parteitages, an dem Minna Deuper 1912 teilnimmt, steht auch ein großer Absatz zur Frauenbewegung: Mit ihrer Beteiligung an Wahl-Veranstaltungen hätten Frauen gezeigt, dass sie für den politischen Kampf fähig seien. „Dadurch wurde der Reichtagswahlkampf in vielfacher Beziehung gleichzeitig zu einer wirksamen Demonstration für das Frauenwahlrecht.“

Der Erste Weltkrieg entzweit die Frauenbewegung: Die bürgerliche Seite organisiert den sogenannten Kriegsdienst an der Heimatfront. Die kleinere, sozialistische Gruppe engagiert sich für den Frieden. Doch das Schweigen über das Stimmrecht endet schlagartig, als der deutsche Kaiser 1917 in seiner Osterrede eine demokratische Wahlrechtserweiterung in Aussicht stellt – und dabei die Frauen ignoriert. Nun nähern sich die verschiedenen Frauenverbände an, in unzähligen Kundgebungen fordern sie zum Ende des Weltkrieges klassenübergreifend das Wahlrecht.

Eure Kinder brauchen Frieden und Brot – Wählt!

Der Rat der Volksbeauftragten kippt darauf nicht nur das Dreiklassenwahlrecht, er macht den Weg für die Frauen frei. Nun müssen die Wählerinnen mobilisiert werden. Die Verbände fordern auf Flugblättern: „Eure Kinder brauchen Frieden und Brot. Darum Frauen: Wählt!“ Am 19. Januar 1919 ist es soweit, die weibliche Bevölkerung darf in der Weimarer Republik erstmals ihre Stimme abgeben.

Über 80 Prozent der Frauen gehen zur Wahl. 300 kandidieren – von den insgesamt 423 Abgeordneten ziehen 37 Frauen aus fünf Parteien in die Nationalversammlung ein. Am gleichen Tag hält die Sozialdemokratin Marie Juchaz als erste Frau eine Rede in der Nationalversammlung: „Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.“

Auch in den Kommunen tut sich etwas: In Bochum kandidiert die Frauenrechtlerin Ottilie Schoenewald für die Deutsche Demokratische Partei. Sie ergreift als erste Frau im Stadtrat das Wort. In Gladbeck zieht die Näherin Maria Kleimann fürs „Zentrum“ in den Rat. In Duisburg wird Marie Arning in die Stadtverordnetenversammlung gewählt. Die Sozialdemokratin hätte sich mehr Solidarität von ihren Genossen gewünscht. Und die Essenerin Monika Hinrichs schreibt am 7. März 1919 in ihr Tagebuch: „Heute zum ersten Mal als Stadtverordnete im Rathaus. Drei Wochen liegen hinter uns. Es war viel Arbeit.“

Und es wird nicht weniger: Mit dem Recht, wählen zu dürfen und sich selbst zur Wahl zu stellen, sind die Ungerechtigkeiten noch nicht behoben, wie die SPD-Frau in einem Artikel 1925 schreibt, in dem sie die Abschaffung der Abtreibungsparagrafen 218 und 219 im Strafgesetzbuch fordert: „Wir wissen, die bestehenden Gesetze sind ein Machwerk der Männer, wohl nie hat bei dieser Gesetzgebung eine Frau mitgesprochen und die ganze Auswirkung dieser Paragraphen trifft mit ganzer Wucht nur die Frau.“

Mit der Machtergreifung der NSDAP erlebt die Frauenbewegung einen Rückschlag. Die SPD wird zerschlagen, ebenso die Arbeiterwohlfahrt, die Minna Deuper in Essen aufgebaut hatte. Nach einem schweren Sturz stirbt sie am 14. April 1937 mit 68 Jahren. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg setzen ihre Kinder, Enkel, Urenkel die Arbeit fort.

Die Gesellschaft wird jedoch weiter von Männern dominiert, selbst nach dem Gleichberechtigungsgesetz von 1957. Denn Männer dürfen ihren Ehefrauen noch bis 1977 verbieten, einen Beruf auszuüben. Als die CDU-Politikerin Angela Merkel 2005 die erste deutsche Bundeskanzlerin wird, klingt das für viele Frauen wie ein Happy End. Ist es aber für die Frauenbewegung nicht. Und da muss man nicht erst auf Länder wie Bhutan oder Brunei in Asien schauen, in denen Frauen heute noch nicht wählen dürfen: In Bayern stellt die CSU 85 Abgeordnete im neuen Landtag – nur 18 davon sind Frauen. Angelika Niebler, Landesvorsitzende der Frauen-Union, kritisiert: „Für eine Volkspartei ist ein solches Ergebnis nicht akzeptabel.“ Ein Satz wie aus dem Mund von Minna Deuper. . .

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Die Frauenbüros in NRW zeigen online eine Übersicht mit den ersten Ratsfrauen. In vielen Kommunen kamen die Frauen bereits 1919 zum Zug, in anderen mussten sie bis zu 50 Jahre warten. frauenbueros-nrw.de

Das Frauenmuseum in Bonn widmet sich bis zum 1. Mai dem Frauenwahlrecht. Danach wird der Kampf um die Gleichberechtigung beleuchtet (Im Krausfeld 10, 0228/ 69 13 44, frauenmuseum.de). Das Historische Museum Frankfurt lädt bis zum 20. Januar ein zur „Damenwahl“ – ebenfalls eine Schau zum Frauenwahlrecht (Saalhof 1, 069/ 212 35154, historisches-museum-frankfurt.de). Weitere Aktionen unter: 100-jahre-frauenwahlrecht.de

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat ein Dossier mit Artikeln von Forscherinnen veröffentlicht: „Aus Politik und Zeitgeschichte – Frauen wählen“. Kostenlos unter bpb.de. Ebenfalls lesenswert sind die Online-Beiträge vom Archiv der deutschen Frauenbewegung (addf-kassel.de)

Filme: Den Kampf fürs Wahlrecht in Großbritannien zeigt eindrucksvoll „Suffragette – Taten statt Worte“ (2015) mit Meryl Streep als die berühmte Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst. In der Schweiz bekamen die Frauen erst 1971 ihre Stimme: „Die göttliche Ordnung“ (2017).

Kabarettistinnen wie La Signora oder Gerburg Jahnke feiern den Jubiläumstag am 12. November 2018 mit vielen Auftritten in ganz Deutschland. Der Erlös kommt Frauenprojekten zugute:
sisters-of-comedy-nachgelacht.de

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