Verstecke

Die Meister der Tarnung – Wie Tiere in die Irre führen

Schwarz-gelb - das kann ja nur ein Insekt mit Stachel sein. Doch im Gegensatz zur Wespe und Biene kann die Schwebfliege nicht stechen. Ihre Farbe soll die Feinde nur verschrecken.

Schwarz-gelb - das kann ja nur ein Insekt mit Stachel sein. Doch im Gegensatz zur Wespe und Biene kann die Schwebfliege nicht stechen. Ihre Farbe soll die Feinde nur verschrecken.

Foto: dpa

Bochum.   Evolutionsbiologe Ralph Tollrian über die Tricks der Tiere: Sie nehmen die Farbe der Umgebung an. Oder tun so, als wären sie sehr gefährlich.

Es gibt Tintenfische, die verschmelzen nicht nur farblich mit ihrer Umgebung. Sie setzen ihre Muskulatur auch so ein, dass ihre Haut wie der Untergrund wirkt: glatt oder strukturiert. Und damit ist das Tarnspiel noch nicht beendet, denn das Tier ahmt zudem andere nach, schlängelt sich etwa durchs Wasser wie eine räuberische Muräne.

„Es gibt sehr viele Tiere, die enorm gut angepasst sind an ihren Lebensraum“, sagt Ralph Tollrian, Evolutionsbiologe an der Ruhr-Uni Bochum. Giftige Steinfische sehen wirklich aus wie Steine. Andere Fische, etwa Heringe oder Sardinen, haben einen dunklen Rücken, weil sie so aus der Vogelperspektive im dunklen Wasser nicht gut zu erkennen sind. „Aber sie haben einen hellen Bauch mit silbrigen Schuppen.“ Damit ein nach oben schauender Raubfisch sie an der sonnigen Wasseroberfläche nicht entdeckt.

Man muss jedoch nicht erst ins Meer abtauchen, um Tarnungsexperten zu erahnen. Das Hermelin zum Beispiel wechselt in kälteren Regionen im Winter die Fellfarbe von Braun in Schnee-Weiß. Und Bodenbrüter legen nicht einfarbige Eier, sondern gesprenkelte, die auf der Erde nicht sofort zu erkennen sind. Außerdem lenken die Eltern der Feldlerche vom Versteck ab, so Tollrian: „Sie versuchen, verletzte Vögel darzustellen, also eine leichte Beute. Dann lassen sie vielleicht einen Flügel hängen. Und versuchen so, den Räuber weg vom Nest zu locken.“

Jedes Kind weiß: Bienen und Wespen haben Stacheln. Doch nicht nur Menschen machen einen Bogen um diese Insekten. Auch Fressfeinde haben Respekt vor ihnen. Das nutzt die Schwebfliege. Sie ist ähnlich schwarz-gelb gefärbt und signalisiert damit: Vorsicht, ich steche! Obwohl sie das gar nicht kann.

Kaninchen im Bau, Rehkitz im hohen Gras

Wenn man an ein Kaninchen denkt, das in seinen Bau flüchtet, ein Rehkitz, das im hohen Gras auf die Mutter wartet, könnte man meinen, dass das Aufsuchen eines Verstecks ein Zeichen von Schwäche sei. Doch nicht nur Tiere, die sich vor Feinden schützen wollen, sind erfinderisch. Auch Räuber können in einem Versteck ihrer Beute besser auflauern. So buddeln sich manche Schlangenarten tief in den Sand ein, bis nur noch ihr Kopf herausschaut. Und auch das gestreifte Fell tarnt im Wald und bei flirrendem Sonnenlicht einen hungrigen Tiger.

„Tiere passen sich über kleine Schritte immer besser an“, verweist der Biologe auf die erstaunliche Evolution. Er nennt auch ein Beispiel, wie der Mensch die Tarnung beeinflusst hat: Mit der Kohleproduktion in Großbritannien in den 1980er-Jahren verschmutzte der so genannte Saure Regen die Umwelt. Flechten auf den Birken verschwanden, die Stämme verfärbten sich dunkel. Den Birkenspanner, einen Schmetterling, der sich wie eine helle Flechte getarnt hatte, erkannten die Vögel nun sofort. „Doch gab es eine Mutation, die schwarz gefärbt war, die wurde plötzlich dominant.“

Dass ein Farbspiel nicht nur der Tarnung dient, erklärt Tollrian mit Blick auf das sehr anpassungsfähige Chamäleon. Manchmal zeigt es seine Farbkunst lediglich, um zu signalisieren: „Wer größer ist, wer stärker gefärbt ist, wer kräftiger ist.“ Um das Revier zu verteidigen – oder einen paarungswilligen Partner anzulocken.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben