Psychologie

Die Misere mit den To-do-Listen: Verzettel dich nicht!

So viel zu tun, dass man eigentlich nur noch Zettel sieht: Das Gefühl der Überforderung ist zum Massenphänomen geworden.

So viel zu tun, dass man eigentlich nur noch Zettel sieht: Das Gefühl der Überforderung ist zum Massenphänomen geworden.

Foto: Sinja Possekel

Essen.  Was tun, wenn unsere To-do-Listen einfach kein Ende haben? Der Soziologe Hartmut Rosa hat ein paar Tipps, wie man der Zeitfalle herausfindet.

Kaum jemand, der heute nicht unter Überforderung ächzt, sei es im Job, sei es im Privatleben. Neben all den Dingen, die man dringend tun muss, gibt es noch sooo viele, die man tun sollte, könnte oder die schön zu tun wären. Aber wer neben dem Arbeitsalltag und Kinderversorgung noch 10.000 Schritte tun will, sich rohkost-vegan ernähren möchte, Freundschaften pflegen, nebenbei zu Yoga, Meditationskurs und Achtsamkeitstraining gehen (am besten CO2-neutral), kommt leicht ins Schleudern. Soziologe Hartmut Rosa hat sich damit beschäftigt, warum unsere To-do-Listen nie mehr ganz abgearbeitet sind – und warum das schädlich für unsere Wahrnehmung der Welt ist. Georg Howahl hat mit ihm gesprochen.

Wir alle haben damit zu kämpfen, unseren Alltag zu bewältigen. Und wir scheitern zumindest teilweise. Müssen wir uns Sorgen um unser Seelenheil machen?

Mein Lieblingswort für das Phänomen lautet Alltagsbewältigungs-Verzweiflungsmodus. Wir machen uns an der Stelle auch eine Illusion. Wir denken nämlich: Wenn ich dies und das abgearbeitet habe, wird es wieder ruhiger und besser. Aber es gibt strukturelle Gründe dafür, warum es wahrscheinlich nicht besser wird. Psychologenverbände sagen, dass wir es mit einer neuen Art von Stresserkrankungen zu tun haben. Ich rede da immer von einer Explosion der To-do-Liste, bei der Arbeit, im Familienleben, in allem. Die Menschen haben das Gefühl, ihre To-do-Liste wird niemals abgearbeitet sein. Die spannende Frage ist aber: Wer schreibt denn diese To-do-Liste so voll?

Wir selbst natürlich!

Ja! Aber es liegt auch an den Erwartungen, die wir für legitim erachten. Vor zehn Jahren hätte niemand als legitime Erwartung empfunden, dass man jeden Tag 10.000 Schritte machen sollte. Aber wenn Sie heute zum Arzt gehen, dann sagte der Ihnen, dass Sie das machen sollten. Und in dem Moment, in dem mein Handy meine Schrittzahl quasi von selbst misst, kann ich sie vergleichen. Anschließend versuche ich, sie zu verbessern. So geht das im Prinzip durch alle Körper- und Lebensbereiche. Sagt jemand: Sie sollten abends ein bisschen Meditation oder Yoga machen, so zum Runterkommen, dann hat man das Gefühl, das hätte man tun sollen. Wir sollten uns heute um die Altersversorgung kümmern oder regelmäßig Strom- oder Telefontarife checken. Das hätte man früher nicht tun müssen. Vor dem Hintergrund dieser Explosion gesellschaftlich formulierter Erwartungen ist das Gefühl der Erschöpfung durchaus gerechtfertigt.

Hat das Effizienzdenken aus der Arbeitswelt unser Privatleben erobert?

Das fängt ja schon an, wenn Kinder unterwegs sind. Die erste Sorge der Eltern noch vor der Geburt ist, dass das Kind irgendwie zurückgeblieben sein könnte. Die Eltern sorgen sich, weil ihr Kind mit drei Monaten noch nicht richtig blicken und mit sechs Monaten noch nicht richtig krabbeln kann. Es soll physische Fitness gefördert werden, Musikalität, Sportlichkeit, Sozialität. Interessant ist: Die Menschen denken nicht mehr, dass es ihren eigenen Kindern mal besser gehen soll als ihnen selbst, sondern dass es ihnen nur nicht schlechter gehen soll. Meine Lieblingsmetapher lautet: Wir stehen überall auf Rolltreppen nach unten, während wir versuchen, nach oben zu laufen.

Es gibt also das Gefühl, dass es immer abwärts geht?

Das Gefühl, dass wir in eine besseren Zukunft unterwegs sind, ist verschwunden. Man denkt, man müsse jedes Jahr schneller laufen, nur um nicht zurückzufallen. Und das über die Generationen hinweg, damit die Kinder es nicht schlechter haben. Das verstärkt die Aggressionshaltung, die wir gegenüber der Welt haben. Die ausufernde To-do-Liste und die Zeitknappheit führt dazu, dass uns die Welt schon morgens früh als Kampffeld begegnet. Wenn ich morgens ins Badezimmer gehe, begegnet mir die Welt als Aggressionsfläche: Ich entdecke eine Falte oder ein Kilo, das zu viel ist...

Was kann ich tun, wenn die To-do-Liste einfach kein Ende findet?

An einer solch endlosen To-do-Liste sieht man, dass die Gesellschaft systematisch schuldige Subjekte produziert. Im Prinzip ist das eine Schuldenliste: Alles, was man bisher noch nicht zurückgezahlt und eingelöst hat. Deswegen habe ich vor Jahren einen Aufsatz geschrieben, dessen These lautete: Ich bin temporal insolvent. Wie bei finanziellen Schulden versucht man, das umzuschulden. Und dann muss man erkennen, dass man das nie abzahlen kann. Anders als bei der Sündenliste früher gibt es hier keinen Ablass, keine Beichte, mit der man sich entlasten könnte. Deswegen habe ich manchmal die Hoffnung, die Soziologie könnte diese Funktion übernehmen, weil ich systematisch aufzeigen kann, dass die Gesellschaftsstruktur schuld ist.

Aber wie genau soll uns das helfen?

Wir haben ja sonst immer die Wahrnehmung: Ich bin einfach zu blöd – oder nicht produktiv genug. Das fühlt sich an wie ein individuelles Versagen. Ich kann den Leuten aber zeigen: Du bist nicht schuld, zumindest nicht du persönlich.

Davon leert sich die To-do-Liste aber auch nicht.

Ich selbst bin kein Ratgeber, sondern Soziologe, aber ich finde einen Ratschlag nützlich, den mir eine Unternehmensberaterin gegeben hat: Es hilft zu erkennen, dass eigentlich der gute, der gesunde Zustand nicht mehr der ist, wo man die To-do-Liste komplett abgearbeitet hat, wo das E-Mail-Konto leer und die Schreibtischplatte wieder zu erkennen ist. Die Beraterin versuchte, ihren Mitarbeitern beizubringen, dass es gerade umgekehrt ist. Wenn Sie die Schreibtischplatte am Abend nicht sehen und das E-Mail-Konto nicht leer ist, dann ist alles okay. Dann sind sie gut im Geschäft. Dieser Perspektivwechsel kann helfen.

Soll man die Liste also so lang lassen, wie sie ist?

Ich würde sagen: Man muss die To-do-Liste regelmäßig radikal löschen. Wenn ein Eintrag seit einem Jahr darauf steht und bisher keine Probleme gemacht hat, wird er es auch in Zukunft nicht tun. Und manche Dinge erledigen sich von selbst...

Haben wir denn heute einen anderen Blick auf unsere To-do-Listen?

Früher hat man gesagt: Mach das Wichtigste zuerst, wenn dann noch Zeit ist, kannst du die nebensächlichen Sachen machen. Heute sagt man: Mach das Dringendste zuerst, das was heute fertig sein muss. Und was morgen fertig sein muss, mach morgen fertig. Das Schwierige daran ist: Dinge, die keine Deadline haben, werden gar nicht mehr angepackt und bleiben liegen. Deshalb haben ganz viele Leute heute das Gefühl: Zu den Sachen, die mir eigentlich wichtig sind, komme ich gar nicht mehr.

Gilt das auch fürs Private?

Eigentlich kennt jeder von uns Leute, die private Termine wie die Abifeier der Tochter oder den Geburtstag des Sohnes mittlerweile als lästigen Eintrag auf der To-do-Liste empfinden. Jetzt habe ich das auch noch! Aber wenn der Hochzeitstag die gleiche Reaktion hervorruft wie ein Gesprächstermin bei der Arbeit, als weiterer Zeitfresser, dann ist man in einer entfremdeten Form der Welthaltung.

Wie kommt man aus einer solchen Gedankenfalle heraus?

Es hilft, Zeitpflöcke einzuschlagen. Etwa für den Hochzeitstag. Oder zu sagen: Montagabend singe ich in meinem Chor oder spiele ich Volleyball. Das ist dann absolut nicht verhandelbar. In dem Moment, wo man es zur Verschiebungsmasse macht, sorge ich schon wieder dafür, dass auch das zum lästigen Eintrag wird. Wenn es unverhandelbar ist, nimmt man das auch wie eine halbwegs entlastete und freie Zeit wahr. Es klingt paradox, aber: Zeitverschwendung ist ein systematischer Weg, das Zeitproblem zu bekämpfen. Ich empfehle, in den Kalender gezielt nichts einzutragen, Zeitblöcke in denen „Nichts“ steht. Das bedeutet, dass man auch nicht private Aufgaben abarbeitet – zwei Stunden, in denen ich nichts von dem mache, was sonst eine legitime Erwartung wäre.

Hartmut Rosa, geboren 1965, lehrt in Jena Soziologie und ist Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt. Er ist u.a. durch seine Beschleunigungstheorie bekannt geworden. Sie besagt, dass eine Gesellschaft dann als modern gilt, wenn sie zur Stabilisierung des stetigen ökonomischen Wachstums bedarf, der technischen Beschleunigung und der kulturellen Innovierung. Im Essay „Unverfügbarkeit“ (Residenz, 136 S., 19 €) geht er auch auf Fragen der Alltagsbewältigung ein.

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