Pippi Langstrumpf

Die Welt aus der Sicht einer 75-jährigen Pippi Langstrumpf

75 Jahre: Pippi Langstrumpf und ihre Freunde Annika und Tommy.

75 Jahre: Pippi Langstrumpf und ihre Freunde Annika und Tommy.

Foto: Foto: DPA / Montage: Marcello Mazza

Villa Kunterbunt.  Astrid Lindgrens Kinderheldin wird 75 Jahre alt. Was sie wohl über das Leben denken würde, wenn sie als Seniorin in der Villa Kunterbunt lebte?

Heute weiß ich mich zu benehmen. Ich habe doch noch Plutimikation in der Schule gelernt und als Schreibkraft in einem Büro angefangen, schließlich den Chef geheiratet und mich ganz den zwei Kindern und dem weiß getünchten Reihenhaus gewidmet, in das ich heute andere feine Damen zum Kaffeekränzchen einlade…

Ich kann es aber auch nicht lassen: das Schwindeln und Flunkern.

Obwohl: Kaffeekränzchen mache ich heute wirklich, wenn Tommy und Annika mich und meinen Affen Herrn Nilsson besuchen. Aber den Kuchen gibt’s ohne Gabeln. Schließlich schmeckt die vom Finger abgeschleckte Sahne immer noch am besten.

Die Krummelus-Pillen, die wir damals geschluckt haben, um niemals groß zu werden, haben nicht richtig gewirkt. Also im Inneren schon. Nur äußerlich habe ich mich verändert. Das Haar ist heute nicht mehr karottenrot, sondern steingrau und zu meinen vielen Sommersprossen sind noch mehr Punkte hinzugekommen: Altersflecken nennt meine Nachbarin die. Dabei klingen Spätsommersprossen viel besser. „Ich bin sommersprossiger und schöner denn je. Wenn das so weitergeht, werde ich direkt unwiderstehlich.“ *

Die Knie zwicken heute etwas mehr. Sie machen aber auch lustige Geräusche, wenn ich, die allerstärkste Seniorin der Welt, den Kleinen Enkel hochhebe – ein Nachfahre vom Kleinen Onkel, meinem geliebten Pferd. Auch der Kleine Enkel steht auf der Veranda der Villa Kunterbunt, wenn ich nicht gerade mit ihm durch die Gegend galoppiere und mich dabei über die anderen Erwachsenen wundere: „Sie haben nur einen Haufen langweilige Arbeit und komische Kleider und Hühneraugen und Kumminalsteuern.“

Als Seeräuberkapitänin muss man sich keine Gedanken machen über Kumminalsteuern. Ich finde, dass Frauen gut steuern können, ob jetzt ein Schiff oder einen Supermarkt oder eine Krankenhausstation. Komisch, dass sie oft immer noch schlechter bezahlt werden als die Männer. Verstehe ich nicht, da kann ich noch so lange auf meiner Unterlippe kauen. „Aber man kann ja nicht immer sorglos sein.“

Die Füße aufs Kopfkissen legen? Das ist viel gesünder

Ich habe ganz gut mit meinem bedingungslosen Schatz gelebt und gerne mal ein Goldstück aus meinem Handkoffer abgegeben, wenn es jemand nicht so dicke hatte – und das mache ich heute noch so.

Und ich nähe mir meine schönen Klamotten immer noch selbst, Kleidchen mit ganz viel Beinfreiheit – in die man reinwachsen kann. Ich habe gehört, das sei nicht altersgerecht. Also ich finde, das wird meinem Alter sehr gerecht. Wie soll ich denn sonst durch die Villa Kunterbunt tanzen? „Tralali tralala trala hopsassa!“ Danach ruhe ich mich aus und schlafe wie immer mit den Füßen auf dem Kopfkissen. Ist ja auch viel gesünder, wenn die Beine hoch liegen.

Ob ich mal geheiratet habe? Seltsam, dass nach so vielen Jahren der Frauen-Emanzipation das immer noch so ein großes Ziel für viele Mädchen ist, einmal im Leben ein weißes Kleid anzuziehen. Das kann ich als Südseeprinzessin auch, ohne beim Standesamt auf meinem getupften Schimmel vorbeizureiten. Will ich aber gar nicht. Und dann meinen Namen abgeben? Ich bin Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf. Und das werde ich für immer bleiben.

Verliebt war ich, von den Zehen bis in die Zopfspitzen. Und erst letzte Woche wieder ein bisschen. Das schickt sich nicht für eine Seniorin, meint meine Nachbarin. Warum sollte es nicht schick sein, wenn es im Bauch so schön kribbelt?

Meine Nachbarin, das ist die Großnichte der Tante Prusseliese, die mich als Kind ins Heim bringen wollte. Dieses Bestreben scheint in der Familie zu liegen, auch die Nachbarin will mir ein Platz im Heim besorgen, im Seniorenheim. Dabei habe ich dort schon einen Platz. „Ich bin ,eine Seniorin’, und das hier ist mein Heim, also ist es ,ein Seniorenheim’. Und Platz habe ich hier. Reichlich Platz.“

Ich käme ja nicht mehr mit meinem Haushalt zurecht, meint meine Nachbarin. Ich würde alles verlegen. Als ob das als Kind anders gewesen wäre. Ich bin und bleibe Sachen-Sucherin. „Die ganze Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich notwendig, dass sie jemand findet.“ Und wer weiß, vielleicht finde ich ja doch noch eines Tages den Spunk.

Nachdem ich den Spunk gefunden habe

Auch meinen verwahrlosten Garten könnte ich ja mal pflegen, Rasen mähen und Geranien pflanzen. Ich habe ein neues Beet angelegt: Ackerwinde, Löwenzahn, Brennnessel… Das blüht so schön. Alles Unkraut, sagt meine Nachbarin. Kraut bleibt Kraut. Ob da nun ein Un vorne weg steht oder ein Sauer. Und wenn ich mir vornehme, mein Beet zu gießen, dann gieße ich. Ob es schüttet oder schneit, das ist mir einerlei. „Wenn ich die ganze Nacht wachgelegen und mich darauf gefreut habe, aufzustehen und die Blumen zu gießen, dann lasse ich mich durch das bisschen Regen nicht daran hindern. Merk dir das!“

Das Beet liegt direkt neben dem Limonaden-Baum. Aus der hohlen Eiche zaubere ich immer noch Flaschen mit kühler Limonade hervor, wenn die Kinder vorbeikommen. Und sie kommen nach wie vor zuhauf. Das sind alles meine – und auch wieder nicht. Ob Blut oder Wasser dicker ist, das ist mir schnurz. „Alle groß und klein - trallalala lad’ ich zu mir ein.“

„Hei hopp, was wird das für ein Leben“

Gut, ich muss heute beim Ausgeben ein bisschen mehr aufpassen als früher. Die einen dürfen kein Gluten essen, die anderen keine Lactose – das klingt wie Matrose. Und die sind nicht immer verträglich, wie ich als Seeräuberkapitänin weiß. Auch dass es nicht schön ist, wenn der Bauch nach dem Essen schmerzt. Aber wenn jeder Keks, dessen Teig ich auf dem blanken Boden ausgerollt habe, unters Mikroskop gelegt wird, ob er mit Honig, Kokosblütenzucker oder Agavendicksaft gesüßt ist, macht das nicht mehr so viel Spaß. Meine liebste Zutat heißt immer noch: lecker.

Ein Enkelkind im Geiste ist Greta Thunberg. Auch Schwedin, was für ein Zufall. Der Umweltschützerin ist herzlich egal, was die Großen von ihr denken. Sie macht das, was ihr gefällt und weiß es meist besser als die Erwachsenen, die selbst die kürzesten Strecken mit dem Flieger zurücklegen. In meiner Kindheit war es so schön, wenn Tommy, Annika und ich mit dem Kleinen Onkel durch die Wiesen geritten sind. Wenn wir uns doch nur alle ein bisschen mehr um die Umwelt kümmerten. „Hei hopp, was wird das für ein Leben!“

Und dazulernen kann man immer. Auch ich habe gelernt. Mein Vater hat früher behauptet, er sei ein Negerkönig im Taka-Tuka-Land. Und das habe ich dann auch erzählt. Heute steht das so nicht mehr in den neu gedruckten Büchern über meine Kindheit, sondern: Südseekönig. Und das finde ich gut. Ich bin schließlich lieb. Also nicht, dass ich keine Widerworte gebe, aber ich möchte, dass sich andere Menschen freuen und nicht schlecht fühlen. Deswegen erzähle ich diesen Quatsch nicht mehr.

Lügengeschichten – das ist nur etwas für eine Seeräuberkapitänin

Ich erzähle dafür lieber schönen Quatsch. Weil bei kleinen Flunkereien im Kopf gleich noch ein zweites kunterbuntes Haus entsteht. Und eine Seeräuberkapitänin darf schließlich Seemannsgarn spinnen. Aber ich bin schon erstaunt, was heute auf der Welt alles erstunken und erlogen wird. Desinfektionsmittel trinken, um sich vor Viren zu schützen? Da möchte ich am liebsten diesen Trump an den Beinen packen und auf das Dach des Weißen Hauses schleudern.

Es gibt Menschen, die erzählen Quatsch wie ich, weil das die Fantasie kitzelt. Oder es gibt Menschen, die erzählen einfach Blödsinn. Vielleicht sind sie neidisch, haben Angst und wissen nicht wohin damit. Oder sie sind im Kopf nicht so schnell. Und dann gibt es noch weitere Leute, die alles hinnehmen, was sie hören. Und glauben, es gebe geheime Organisationen, die die Regierung und die Medien manipulieren. Schon früher war ich fassungslos, als ich aus Spaß von den Chinesen erzählt habe, die ausschließlich Schwalbennester essen, und das dann auch noch für bare Münze genommen wurde. „Du musst doch begreifen, dass das gelogen ist. Du darfst dir doch nicht alles mögliche von den Leuten einreden lassen.“

Als sich das Corona-Virus ausgebreitet hat, sind wir auch auf Abstand gegangen. Das hat mich sehr traurig gemacht. Aber ich habe Annika und Tommy gesagt: „Am besten, ihr geht jetzt nach Hause, damit ihr morgen wiederkommen könnt. Denn wenn ihr nicht nach Hause geht, könnt ihr ja nicht wiederkommen. Und das wäre schade.“

Sie sind wiedergekommen! Und während sie auf der Schaukel sitzen, klettere ich auf den Limonadenbaum und wir erzählen von früher. „Ja, die Zeit vergeht, und man fängt an, alt zu werden.“ Das war mir schon als Kind klar, als ich gesagt habe: „Im Herbst werde ich zehn Jahre alt, und dann hat man wohl seine besten Tage hinter sich.“ Nee, stimmt nicht. Ich werde nun 75 und habe das Gefühl, da kommen noch ein paar schöne Tage. „Jetzt wollen wir feiern, dass die ganze Villa Kunterbunt kracht!“

* Originalzitate aus den Pippi-Büchern, der Serie oder den Filmen. Mehr zur Erfinderin von Pippi Langstrumpf lesen Sie hier.

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