Museen

Disziplin in der Schule: Museum zeigt Wandel des Unterrichts

Hauswirtschaftsunterricht stand 1913auf dem Stundenplan der Mädchen.

Hauswirtschaftsunterricht stand 1913auf dem Stundenplan der Mädchen.

Foto: MATTHIAS GRABEN

Dortmund.   Das Westfälische Schulmuseum in Dortmund lässt Schüler erleben, wie der Unterricht früher war, als Lehrer vor allem ein Ziel hatten: Disziplin.

Wie ein Befehl schallt es durch die Klasse: „Rauf, runter, Pünktchen drauf!“ Und schon kritzeln die Schüler mit dem Griffel das „i“ auf die Schiefertafel. Der Herr Lehrer stellt eine Frage? Bei der Antwort steht man gefälligst auf. Schüler, die nicht spuren, müssen den Schlag mit dem Stock fürchten. Oder für den Kautabak-kauenden Lehrer den Spucknapf leeren.

„Es war eine Strafe, den sauber zu machen“, sagt Michael Dückershoff. Der Leiter des Westfälischen Schulmuseums in Dortmund steht mit dem Napf in der Hand in einem Klassenraum: Originalschulbänke mit Öffnungen für Tintenfässchen sind zu sehen und – wichtig – an der Wand ein Gemälde von Wilhelm II. „Das Kaiserbild durfte nicht fehlen.“

Noch heute sitzen Grundschüler in den Reihen, wenn sie mit ihrer Klasse erleben, wie der Unterricht zu Kaisers Zeiten war. Wie reagieren sie auf den Drill? „Die Kinder sind beeindruckt“, erstaunt es den 55-Jährigen immer wieder aufs Neue. „Sie finden es gut, wenn sie klare Ansagen bekommen.“ Aber wenn er es tiefer thematisiert: „Dann dreht sich das.“ Die Vorstellung, zu Kaisers Untertanen erzogen zu werden, stets ganz genau gehorchen zu müssen und niemals etwas freier sein zu dürfen, gefalle ihnen dann doch nicht.

Die Zeit für reformpädagogische Ideen

Die Ausstellung im Museum setzt im Mittelalter an, als es noch keine allgemeine Schulpflicht gab. Dafür Rechenschulen, auf die Kaufmänner ihre Söhne schickten. 1543 gab es in Dortmund zwar noch keine Universität, aber ein erstes Gymnasium. Klassenräume mit 100 Schülern verschiedener Stufen waren lange Zeit üblich. Das funktionierte nur mit Disziplin, so Dückershoff. Nach dem Ersten Weltkrieg lockerte sie sich erstmals. „Da haben sich reformpädagogische Ideen durchgesetzt.“ Das Museum zeigt einen so genannten „Sandtisch“. Dort konnten Kinder anschaulich Landschaften – Berge und Täler – formen.

Im gleichen Raum wird die dunkelste Zeit der Pädagogik beleuchtet: Der Nationalsozialismus brachte nicht nur die Strenge in die Schule zurück. Er verblendete die Kinder auch mit der Rassenlehre. Ein Mathebuch zeigt eine Aufgabe für Schüler, mit denen sie nicht nur Rechnen lernten, sondern auch das Gegenteil von Menschlichkeit: „Was kostet die Betreuung Erbkranker in einer Irrenanstalt?“

Wie sehr Schulbücher die Kinder prägten, zeigt auch eine Sonderausstellung zum Rollenbild von Mann und Frau. So lernen Kinder Mitte der 60er das Lesen mit Texten wie: „Mutter ist in der Küche, Monika ist auch in der Küche.“ Und: „Kommt mein Väterchen nach Haus, zieh’ ich ihm die Schuhe aus.“

Mädchen durften erst ab 1908 Abitur machen

Lehrerinnen, etwa für Hauswirtschaft, mussten bis in die 1920er unverheiratet sein. Mädchen durften erst ab 1908 Abitur machen. Zwei Jahre später gründeten Lehrer bereits das Museum. Ihre Sammlung wurde im Zweiten Weltkrieg jedoch weitgehend zerstört. Seit 30 Jahren befindet sich das Museum in einem ehemaligen Schulgebäude von 1905. So schön dieses Haus mit der neugotischen Backstein-Fassade auch aussieht, es entspricht nicht mehr den heutigen Brandschutz-Bestimmungen. Für 2,9 Millionen Euro wird es nun umgebaut, so der Leiter.

In zwei, drei Jahren schließt das Museum für ein Jahr. Danach wird es eine neue Schau geben zu den Sammlerstücken: Schulbücher, Stundenpläne, Schulmützen. „Darunter sind 14.000 Wandbilder.“ Dückershoff öffnet die Tür zum Depot, in dem sie dicht an dicht hängen. Die Anschauungstafeln zeigten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur Ländergrenzen, sondern auch den langen Hals einer Giraffe oder ein Ohr von innen. Da dachte noch kein Mensch an Tablets im Unterricht. „Das war das Medium.“

>> MEIN LIEBSTES AUSSTELLUNGSSTÜCK

10 – 3 = ? Am Abakus konnte man früher auf einem Stab drei Kugeln von einer Seite auf die andere schieben, um das Ergebnis abzuzählen. Aber richtig anschaulich wurden die allerersten Rechenaufgaben, als der Herr Lehrer ab 1919 die Fingerrechenmaschine hervorholte. Während bei den richtigen Händen die Finger, die es zu subtrahieren gilt, wegknicken, bleiben bei dieser Maschine die Finger in Weiß im Hintergrund stehen. Nur die drei roten klappen nach vorn. So bleibt die Einheit 10 anschaulich erhalten und die Kinder erkennen die Lösung: 7!

Wilhelm Wlecke, ein Lehrer aus Gütersloh, hat sich diese Maschine ausgedacht. Er wollte damit Mathe-Anfängern das Rechnen mit den Fingern erleichtern. Doch nicht alle Pädagogen waren seiner Ansicht. Sie befürchteten, dass Kinder fortan nur noch mit Fingern abzählen würden. Dabei haben die Finger als Rechenhilfe einen unschlagbaren Vorteil: Sie sind immer zur Hand.


Und hier erzählen unsere Leser von ihrem ersten Schultag.


>> DER WEG INS MUSEUM

Der Eintritt ins Westfälische Schulmuseum ist frei . An der Wasserburg 1, Dortmund, Di. - So.: 10 bis 17 Uhr, 0231/ 613095, schulmuseum.dortmund.de

Die Sonderausstellung zum Bild von Frau und Mann in Schulbüchern bis 31. März 2019. Ab Mai: „Oma, kannst du das lesen?“ über deutsche Schreibschriften.

Führungen für Schulklassen sowie für Erwachsene. Es gibt ein Programm für Kindergeburtstage.


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