Selbstläufer

Ein großer Schritt für die Menschheit: Schuhe aus 3D-Drucker

Ein Selbstläufer: Die Schuhe sind aus einem Guss – geradewegs gedruckt in 3D.

Ein Selbstläufer: Die Schuhe sind aus einem Guss – geradewegs gedruckt in 3D.

Foto: Privat

Langenfeld/New York.   Das hat Kopf und Fuß: Cornelius Schmitt und Partner Peter Graeff aus Langenfeld revolutionieren die Schuhindustrie mit 3D-Druck „aus einem Guss“.

Ein leuchtend roter Schuh mit schwarzer Sohle steht auf dem kleinen Cafétisch. „Ist der von Nike?“, fragt der Kellner interessiert. „Nein, hab ich selbst gedruckt“, antwortet Cornelius Schmitt lächelnd. Der 23-jährige ehemalige Wirtschaftsingenieurswesen Student aus Clausthal-Zellerfeld und Geschäftsführer von Zellerfeld Inc. erntet dafür auch vom Nebentisch neugierige Blicke.

Als ich mich an einem sonnigen Morgen mit Cornelius in Clausthal-Zellerfeld treffe, hat er die meiste Zeit der vergangenen zwei Jahre in einem Kellerraum verbracht, der ihm von der Technischen Universität mietfrei zur Verfügung gestellt wurde. Vollgestellt mit mehreren 3D-Druckern und Laptops feilte er zusammen mit seinem Kommilitonen Franz Foltin Tag und Nacht an dem perfekten 3D-Drucker. Noch weiß er nicht, dass die nächsten Monate für ihn und sein Unternehmen enorme Veränderungen bringen werden.

Bisher bestand sein Marketing hauptsächlich darin, einen schwarzen und einen roten Schuh zu tragen. Das Design ist eine ischung aus Turnschuh und spitz zulaufendem Budapester.

Dass sie komplett aus einem 3D-Drucker stammen, ist – ohne Übertreibung – eine Weltneuheit und ein Hingucker.

Natürlich enthalten viele unserer Alltagsgegenstände inzwischen 3-D-gedruckte Komponenten. Adidas und andere Marken bieten auch schon seit längerem Sneakers mit gedruckten Sohlen an. Dass es aber Cornelius und seinem Partner Peter Graeff aus Langenfeld gelungen ist, einen speziell auf den Druck von Schuhen konzipierten 3D-Drucker zu bauen – der auch aus Teilen einer Videospielkonsole besteht – und dass dieses Gerät „Marke Eigenbau“ auch noch tragbare und bequeme Schuhe „aus einem Guss“ druckt – das ist eine Revolution auf dem Schuhmarkt.

Maßgeschneidert

Weich und leicht fühlt sich der Turnschuh an, der vor uns auf dem Tisch steht. „Unsere Schuhe sind maßgeschneidert. Wir scannen die Füße innerhalb von Sekunden und speisen die Daten der Fußbeschaffenheit in eine Software ein. Der Drucker druckt dann punktgenau den Schuh. Jedes Design, jede Farbe und jeder Härtegrad der Sohle ist individuell einstellbar. So können beispielsweise Tennisspieler eine an den Seiten härtere Sohle verlangen, weil sie viel seitwärts laufen. Leute mit Rückenproblemen können genau an der Stelle, an der sie mehr Polsterung brauchen, eine weichere Sohle bekommen. Den Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt“, so Cornelius.

Zudem sei das Material komplett recycelfähig. „Ein alter Schuh kann geschreddert werden und wieder zu einem neuen Modell verarbeitet werden“, fügt er hinzu.

Der Weg zum perfekten Schuh war weit: „Nichts klappte“, erinnert er sich. Nächtelang lief der Drucker und fabrizierte zwar so einiges, aber nicht die gewünschte Passform oder überhaupt ein schuhähnliches Gebilde. Aber Cornelius bewies trotz Schlafmangels Durchhaltevermögen: „Am Anfang dauerte es 60 Stunden, einen Schuh zu drucken. Inzwischen sind es etwa 19 Stunden“, berichtet er. Im Februar, bei unserem ersten Gespräch war er so weit, dass er kleine Aufträge erfüllen konnte, die über seine Webseite eintrudelten. Die Schuhe würden ständig verbessert, seien widerstandsfähig, luftdurchlässig und für sämtliche Sportarten geeignet, verspricht er mit Begeisterung in seiner Stimme.

Lieblingskombination auswählen

Der smarte Schuhladen der Zukunft, ist für Cornelius ein Ort, an dem Zellerfeld Inc. maßgeschneiderte Schuhe vor den Augen des Kunden entstehen lässt. Schuhverkäufer sind mit Scannern ausgestattet, alles ist vernetzt; und Kunden können beim Druck ihrer Schuhe den in Glaskästen aufgestellten Druckern zugucken. Wenn jemand ein älteres Paar Schuhe zurück in den Laden bringt, können diese dort sofort entsorgt werden, und als Dank erhält der Kunde einen Rabatt auf ein paar neue Schuhe. An den Wänden hängen Röhren mit Granulaten in allen Farben, aus denen der Schuhkäufer seine Lieblingskombination auswählt.

Doch ohne Eigenkapital lässt sich die Schuhrevolution nicht in die Köpfe der potenziellen Kunden transportieren. Deshalb stand für Cornelius seit dem Morgen, an dem er vorsichtig den ersten gedruckten Schuh von der Druckerplattform hob, fest, dass er nun erst einmal Partner finden musste, mit deren Know-How er seine Schuhe vermarkten kann.

Entwürfe für Lady Gaga

Auf die 800 Emails, die Cornelius in alle Welt an Schuhdesigner, Firmen und Experten schickte, antwortete innerhalb von Minuten Gary Chwatuk. Es ist nicht übertrieben, den Dozenten, der am Fashion Institute und an der Parson’s New School of Design in New York Kurse anbietet, als eine einflussreiche Größe in der Schuhbranche zu bezeichnen. Er hat 40 Jahre Berufserfahrung und entwarf Schuhe für große Modehäuser, bevor er anfing, sein Wissen an junge Designer weiterzugeben.

Gary wurde Cornelius’ Mentor und hat ihm seither viele Türen geöffnet. Dank Gary knüpfte er auch Beziehungen zu anderen Designern, für die es einfach zu kostspielig wäre, ihre Entwürfe ohne einen Vertrag der großen Schuhhersteller, umzusetzen. „Einen Schuh zu produzieren, kostet um die 100.000 Euro“, sagt Cornelius. Sogar ein Designer aus den USA, dessen Entwürfe Lady Gaga trägt, hat schon Interesse an der neuen Fertigungstechnik bekundet.

Cornelius ist ebenso wie sein Partner Peter Graeff aus dem Keller in Clausthal-Zellerfeld mittlerweile nach New York gezogen. Ein Umzog, der sich durchaus gelohnt hat. Dank eines Investors hat er eine sechsstellige Summe auf dem Konto, die das Visum finanzieren soll. Auf seinem Handy landen täglich neue Anfragen von potenziellen Geldgebern. Die ersten Wochen seien mehr als gut gelaufen, berichtet er kürzlich. Die Leute rissen sich um die Schuhe, und die Drucker liefen heiß.

„Tolle Zukunftsperspektiven“

In Deutschland ist inzwischen auch die Schuhindustrie auf Cornelius und Graeff aufmerksam geworden. Christian Decker, Geschäftsführer von DESMA Schuhmaschinen, Marktführer für Schuhmaschinen und Formen, schreibt begeistert in einer Email: „Das Team von Zellerfeld Inc. hat uns den aus unserer Sicht ersten, wirklich wettbewerbsfähigen Schuh auf den Tisch gestellt. Wir sehen darin ganz tolle Zukunftsperspektiven.“ Noch mehr neue Investoren hat Zellerfeld Inc. auch gefunden. Um sich bis an die Spitze zu kämpfen, bleibt Cornelius und Graeff allerdings noch ein langer harter Weg. Aber in bequemen Schuhen lässt es sich eben viel leichter nach oben klettern...

Dieser Text ist zuerst in der Digitalen Sonntagszeitung erschienen. Jetzt für zwei Monate gratis bestellen! Hier geht’s zum Angebot: Zum Digitalen Sonntag

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