Karneval

Eine Bahnreise von Helau nach Alaaf, von normal zu närrisch

Dortmund/Köln.   Zu Karneval verkleidet sich der Pendlerzug von Westfalen ins Rheinland als „Zoch“. Zwischen Dortmund und Köln werden die Fahrgäste närrischer.

Jeder Jeck ist anders und mancher sieht nicht einmal so aus. Trägt Aktentasche und Knopf im Ohr und einen Ausdruck im Gesicht, der sagt: „Ja, seid ihr denn alle närrisch?“ Alle nicht, dies ist noch Westfalen, und d’r Zoch noch der ganz gewöhnliche von 8.45 Uhr. Aber die Pendlerbahn wird sich alsbald verkleiden: Denn dieser Tage ist Karneval, da geht die Reise ins Rheinland von Helau nach Alaaf.

Weiberfastnacht, früh an Gleis 11, hängen die Ohren des Tigers verschämt in seinem Rücken, die Prinzessin trägt ihr Krönchen in der Hand, das Einhorn selbiges unterm Arm. Ein Kostüm! Ein Kostüm? Die bunten Socken, nein, das trägt man jetzt. Die farbigen Strähnen? Das soll so. Tief im Osten des Ruhrgebiets sind die in der Überzahl, die sie „die Normalen“ nennen, man sagt von ihnen: „Die gucken komisch.“

Einer hebt sein Köfferchen in die Ablage, seine Füße balancieren um eine Tüte voller Alkohol, die ihm nicht gehört. „Karneval in Dortmund ist schwierig“, wird Claudia später sagen und eine Koalabärin noch Schlimmeres: „Dortmund ist nichts mehr, seit Jahren.“

Aus Kamen nach Köln, denn„da sind die Leute sowieso lustig“

Also fahren sie nach Köln, „da sind die Leute sowieso lustig“, findet Antje aus Kamen. „Da kommste raus aus dem Bahnhof, und es ist schon schön.“ Sie sind zu dritt in etwas bedrohlich wirkendem Dirndl: oben offenherzig, unten mit Totenköpfen. (Kamen hat sich nach ihnen umgesehen, Köln wird es nicht anders machen.) Antje ist aus Frankfurt nach Westfalen gekommen, um mit den Freundinnen ins Rheinland zu fahren: „Das Frühstück im Zug gehört ja dazu.“ Nebenan klopfen Likörchen auf Armlehnen.

Vor Bochum schon wird Beate einem Kollegen begegnen, „öh“, sagt der und noch ein paarmal „öh“. Fragt dann: „Gehst du zur Arbeit?“ Beate lacht sich immer noch kaputt mit ihrer rosa Sektflöte in der Hand. „So nicht!“ Heute will sie tanzen, schunkeln und, wie Antje sagt, „einfach mal doof sein“. Als der Kollege aussteigt, trifft er Bob, den Baumeister, am Bahnsteig, mit seinem Bier. Er steigt zu, mit Rotkäppchen und Martin Luther im Schlepptau, in Mülheim folgt eine Banane.

In der zweiten Klasse zupfen zwei Männer an ihren Beinen im Plüschmantel. Ihre Hosen haben Köpfe, die „Max und Moritz“ heißen. „Tanzen“, ahnen ihre Träger, „geht wohl nur wie Sackhüpfen.“ Und Laufen schon jetzt nicht mehr: „Max und Moritz müssen uns tragen.“ Das nächste Bier zischt, ein Handy spielt „Da simmer dabei“.

Nur eine Reihe dahinter vertieft sich ein Student angestrengt in ein Buch über „Differentialgeometrie“. Er schaut etwas grimmig, das kann am Thema liegen. Beate flüstert: „Es sind noch Normale im Zug“, aber sie werden weniger. Nächster Halt Duisburg, auf dem Boden liegen die roten Federn einer Boa, eine leere Flasche rollt zwischen den Sitzen. Unter unauffälligen Anoraks quillt blauer Tüll hervor, über die Rückenlehnen erheben sich riesige Perücken, aus dem nächsten Abteil klingen Stimmungslieder. Dazwischen sitzt tapfer Luisa auf ihrem Dienstweg nach Düsseldorf und sagt: „Ich hasse Karneval.“ – „Jeder so“, sagt Natascha, „wie er meint.“

Eine Hippie-Frau in Thermostrümpfen

Nun naht schon Düsseldorf, man könnte jetzt aussteigen, so als Karnevalist. Die Wahrheit aber ist: Es steigen noch welche ein. Zu erkennen schon durchs Zugfenster an ihren Beinen: bemalt, in bunten Blümchenhosen oder Glitzerstiefeln. Stefan aus Wanne-Eickel amüsiert sich darüber seit 13 Jahren: „Düsseldorf fährt nach Köln! Da fahren wir immer vorbei.“ Eine Hippie-Frau in Thermostrümpfen weiß warum: „Düsseldorf ist scheiße. Die haben ‘nen Stock im Arsch da.“

Man kann das natürlich auch diplomatischer ausdrücken, so wie Kerstin: „Düsseldorf ist mehr politisch. Köln ist Spaß!“ Oder wie Inga: „Köln hat die bessere Musik.“ Oder überhaupt welche, Düsseldorf „hat ja gar keine“. Nun kommen diese Damen, die heute als Hühner gehen, aus Dortmund und, das hatten wir eben schon: „Da fällt man verkleidet auf, im Rheinland, wenn man’s nicht ist.“ Was inzwischen auch für diesen Zug gilt, irgendwo vor Leverkusen.

Froschkönig und Minions trinken zusammen

Froschkönig und Minions trinken „auf die Gesundheit“, sie reichen sich die Schnäpschen über eine letzte unkostümierte Dame. Sie schaut bemüht neutral. „Das kann nicht wahr sein!“, ruft jemand; da sind noch zwei in Zivil, Schweizer, die werden sich wundern! Doch es sind Roman und Gilbert aus Zürich, auf ihrem alljährlichen Weg – in den Kölner Karneval. Mit fünf Kostümen im Koffer, pro Mann. „Wie Frauen“, sagt Gilbert, „wir können uns nicht entscheiden.“

Und dann: Köln! Der Regionalexpress spuckt die Jecken auf den Bahnsteig, die Rolltreppen spülen sie in die feiernde Menge. Der Zug bleibt leer und still zurück, dabei fährt er noch nach Aachen. Und nur einige, ganz wenige Narren warten tatsächlich auf die Bahn in die Gegenrichtung. Über den Rhein, aber sie steigen in Deutz aus, das ist immer noch Köln. Sitzen bleibt eine blaue Promenadenmischung aus Schlumpf und Krümelmonster. Wohin des Wegs? „Nach Düsseldorf!“ Betroffenes Schweigen im Kinderwagen-Abteil. Das Schlumpfmonster schaut entschlossen: „Ich war immer in Köln, jetzt guck ich mir mal was anderes an.“

Dabei gibt es dort, am Bahnsteig ein paar Kilometer flussabwärts, nichts mehr zu sehen. Es ist 11.11 Uhr. Tschüss, Schlumpf. Und: Düsseldorf, helau.

>> SONDERZÜGE AN KARNEVAL

Am Sonntag, 11. Februar, wenn die Veedelszüge durch Köln ziehen, setzen die regionalen Verkehrsbetriebe zwischen Dortmund und Köln zwei Sonderzüge ein, am Rosenmontag vier. Nachts wird der Takt, auch der S-Bahnen, für den Rückweg verstärkt.

Allein der Verkehrsverbund Rhein-Sieg hat dazu rund 4700 zusätzliche Zugkilometer bei der Deutschen Bahn bestellt.

Infos für Fahrten aus dem Ruhrgebiet unter www.vrr.de

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