Besondere Museen

Eine messerscharfe Sammlung: Besuch im Klingenmuseum

Alles, was schneidet: Essbesteck, Scheren, Schwerter und eine fürstlich gedeckte Tafel zeigt das Deutsche Klingenmuseum in Solingen in seiner Dauerausstellung. Viele der Schneidewerkzeuge dienten auch der Geldanlage und der Repräsentation.

Alles, was schneidet: Essbesteck, Scheren, Schwerter und eine fürstlich gedeckte Tafel zeigt das Deutsche Klingenmuseum in Solingen in seiner Dauerausstellung. Viele der Schneidewerkzeuge dienten auch der Geldanlage und der Repräsentation.

Foto: Ralf Rottmann

Solingen.   Wo sonst hätte man das Deutsche Klingenmuseum eröffnen sollen, als in Solingen – der Stadt an der Wupper mit der großen Messer-Tradition.

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Man weiß nicht so genau, wann in Solingen der erste Faustkeil geschwungen wurde, aber es wird wohl noch irgendwann in der Steinzeit und schon schmerzhaft für den Empfänger des Hiebes gewesen sein. Damals wandelten noch die Neandertaler durchs Niederbergische und die Schmiedekunst war weit entfernt. Gemessen an solch gewaltigen Zeitdimensionen verficht das Wupperstädtchen Solingen ja erst seit Kurzem, also seit gut 750 Jahren, einen hieb- und stichfesten Ruf als Metropole für Schwert- und Messerkunst.

Als Kultstätte für Klingenbegeisterte. Wo sonst hätte man also das „Deutsche Klingenmuseum“ eröffnen sollen als in der Stadt, die noch heute eine einzigartige Dichte an Unternehmen jener Branche aufweist, die man „Schneidwarenindustrie“ nennt: Zwilling, Dreizack, Böker, ja selbst Schweizer Taschenmesser gibt’s aus Solingen, auch wenn das jetzt geografisch ein bisschen verwegen erscheint.

Messer haben eine gewaltige Anziehungskraft

Die Geografie war schon immer ideal fürs scharfe Eisen: Wegen der vielen Bäche, mit denen Schleifsteine angetrieben wurden; wegen der Nähe zum Sauerland mit seinem guten Eisenerz; und der Nachbarschaft zu Köln, wo Solinger Klingen reißenden Absatz fanden. „Die Wurzeln des Klingenmuseums liegen in einer Mustersammlung für eine Schule der Stahlwarenindustrie, 1904 gegründet“, sagt Museumsleiterin Isabell Immel. Eigentlich ging’s also erstmal um ein Fachpublikum, das sich anschauen sollte, wie man vorbildliche Klingen schmiedet.

Dabei sollte man nicht verkennen, dass Messer seit jeher gewaltige Anziehungskraft auf Menschen ausüben. „Ich glaube, ein Messer ist etwas Archetypisches, etwas ganz Altes. Ein Messer brauchte man, um auf diesem Planeten zu überleben. Man brauchte es, um Nahrung zu erbeuten und zuzubereiten. Und die Faszination einer Klinge, mit der man teilen und vielleicht auch töten könnte, ist ungebrochen“, so Immel.

Etwas Gefährliches und Verbotenes schwingt mit

Schon Kinder bekommen beim Anblick eines Taschenmessers oft ein Strahlen in den Augen – auch, weil es etwas Gefährliches oder gar Verbotenes an sich hat. Angefangen beim „Luristan-Ohrendolch“ aus der Bronzezeit führt die Schau über Bihänder und Florette ins 21. Jahrhundert und weiter – bis zum Laserschwert aus „Star Wars“, freilich nur als Plastik-Modell für Kinder.

Anfang der 1950er Jahre wurde aus der Sammlung ein Museum, eine enzyklopädische Schau der weltweiten Klingenkultur und der Kultur des Schneidens, die 1991 vom Rathaus Gräfrath ins Gräfrather Kloster umzog. Schon lange zuvor war „Me fecit Solingen“ der lateinische Vorläufer zum Qualitätsausweis „Made in Solingen“.

Die weltweit größte historische Bestecksammlung

Was sich so angesammelt hat, beziffert Isabell Immel auf weit mehr als 20.000 Einzelstücke. Schwerter, Dolche, Butterflys, Taschenmesser, Ausbeinmesser, Rasiermesser, Bajonette, Nagelknipser, Wurfmesser, Skalpelle – halt alles, was scharf ist.

Dann schweift der Blick des Besuchers über eine festlich gedeckte Tafel mit feinem Porzellan, auf der auch kunstvoll gefertigtes Besteck liegt. „Wir rühmen uns, die weltweit größte historische Bestecksammlung zu haben“, sagt Immel. Und erklärt: „Einen gedeckten Tisch, an dem man das Besteck gleich vorfand, das gab es eher nur an fürstlichen Tafeln.“ Was viele nicht wissen: „Die Gabel ist das jüngste Besteckteil. Sie ist erst etwa 300 Jahre alt und wurde früher oft nur benutzt, um Konfekt zu essen, damit man sich die Finger dabei nicht schmutzig machte. Und dann irgendwann hat sich die Gabel entwickelt, so dass eben auch so ein Schiffchen dazu kam, auf das man auch etwas draufschieben und zum Mund führen konnte.“

Elfenbein- und Edelholz-Schnitzerei

Ein Glücksfall fürs Museum war, dass es die Bestecksammlung Marquardt aus Bochum erwerben konnte, 1200 Teile mit dem Feinsten vom Feinen, was es im europäischen Besteckbereich gibt – vom Spätmittelalter bis in die frühe Neuzeit. Da findet sich viel Elfenbein und Edelholz-Schnitzerei. Immel: „Besteck war nicht immer zu nur zum Essen da, sondern auch zur Repräsentation. Konversationsstücke, über die man sprach und mit denen man seinen Reichtum darstellte. Eine Geldanlage waren die Bestecke auch.“

Wenn sich Isabell Immel ein Ausstellungsstück wünschen dürfte, wäre es wohl der „Eiserne Thron“ aus „Game Of Thrones“, ein Sitzmöbel, das ganz aus Schwertern besteht und derzeit im Centro Oberhausen die Massen anzieht. Damit könnte man, das ist sicher, im Herzen des Publikums einen sicheren Stich landen.

>>>> Das liebste Ausstellungsstück

Dieser prächtige Pfau besteht aus Scheren und ist die Rekonstruktion eines Schaustücks, mit dem die Solinger Firma J. A. Henckels im Jahr 1904 – also im Gründungsjahr von Schalke 04 – sich auf der US-Weltausstellung in St. Louis für mehrere Monate am Stück präsentierte. Damals war es üblich, dass die Firmen ihre Produkte in Schaubildern arrangierten. Und Solinger Klingen hatten natürlich Weltniveau, so dass sie selbstverständlich bei einer Leistungsschau dabei sein mussten. „Damals hatte diese Art der Präsentation schon eine längere Tradition auf den Weltausstellungen“, berichtet Museumsleiterin Isabell Immel. Das heute im Museum gezeigte Exemplar hat Lothar Christ im Jahr 1990 nach Originalvorlage rekonstruiert. Ein beliebter Zeitvertreib für Familien im Solinger Klingenmuseum ist es, die Kinder die Scheren durchzählen zu lassen. Wie viele es sind? Das soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

>>>> Ein scharfes Museum im ehemaligen Kloster

Das Deutsche Klingenmuseum finden Sie im Klosterhof 4, Solingen-Gräfrath, einem der schönsten Stadtteile Solingens. Tägl. 10-17, fr. 14-17 Uhr, mo. geschlossen. Info: 0212/25836-0 und klingenmuseum.de

Ein Kirchenschatz des Bistums Köln, ein Knochensplitter der Heiligen Katharina, aus dem ein wundertätiges Öl geflossen sein soll, ist auch nach Schließung des Klosters noch im Gebäude zu besichtigen.

Für Kinder gibt es ein Programm von Schul-Stunden bis zum Kindergeburtstag – sowie eine Schmiede. Info und Buchungen: 0212/25836-36

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