Erziehung

Erklär mir mein Kind: Warum sie so gerne auf Knöpfe drücken

An, aus, an, aus, an, aus, an, aus, an, aus, aaargh!

An, aus, an, aus, an, aus, an, aus, an, aus, aaargh!

Foto: Isabel Klett / DTV

Essen.  Warum unsere kleinen Lieblinge so gerne Knöpfe drücken, immer Nudeln essen wollen und alles runterschmeißen – und so schrecklich wütend werden.

Neulich bei Günther Jauch wieder was gelernt: Die Steigerung von Helikoptereltern sind Rasenmähereltern – weil die noch heftiger hyperventilieren, wenn es um den eigenen Nachwuchs geht. Der mal wieder auf der Matratze hüpft, Angst vor Monstern unterm Bett hat, ungeniert popelt oder endlos und vor allem halsbrecherisch schaukeln will. „Kinder halt“, sagen die entspannteren Eltern. Und hier wird sogar erklärt, warum das so ist.

Warum drücken Kinder so gerne Knöpfe?

So lange sie im Lift aus mangelnder Körpergröße nicht an die Knöpfe mit den Zahlen gelangen, ist alles gut – ab dann machen Sie sich gefasst, in jedem Stockwerk zu halten… Von Waschmaschine und Fernbedienung, immer, immer, immer wieder der Fernbedienung vor allem, ganz zu schweigen. Wieso?

Es ist wie mit dem Lichtschalter – man muss einfach draufdrücken. Wenn man ein Kind ist: an, aus, an, aus, an, aus, an, aus, an, aus, aaargh!

„Bis die Birne platzt oder der Kragen der Eltern“, schreibt Sandra Winkler in ihrem „Kinderverstehbuch“ (dtv, 15 Euro). Der Vorgang, per Knopfdruck einen Ton oder ein Licht oder bestenfalls beides angehen zu lassen, habe halt eine essenzielle Bedeutung: „Dabei spürt ein Kind seine Wirksamkeit. Es kann der Auslöser von etwas sein, es nimmt Einfluss auf seine Umwelt.“

Faszinierend: Das Baby, neu auf der Welt, weiß ja bis dahin noch gar nicht, dass es überhaupt handeln kann. Wenn es erstmal begriffen hat, dass diese Hand zu ihm gehört, ist die Begeisterung groß, was man damit alles anstellen kann… Aus eigener Kraft! Und dann will man selbstverständlich auch wissen, was wohl passiert, wenn ich da drücke – „und passiert bei diesem Knopf heute dasselbe wie gestern?“ Das Extra bei einer Fernbedienung: Es kommt immer wieder etwas Neues – zumindest für neugierige Kinderaugen.

Warum schmeißen Kinder alles runter?

Nichts nervt mehr, rein gar nichts erscheint einem sinnloser – als Erwachsener jedenfalls. Wie oft kann man so eine Trinkflasche, den Hasi oder die kleine Holzlok von Onkel Dieter fallen lassen. Nun, sehr oft.

Will die Satansbrut seinen Erzeugern den allerletzten Restnerv rauben und wie provokativ kann man bitte schon seit mit anderthalb? Das kann man mal im Internetforum fragen, um sich zu vergewissern – und somit zu beruhigen: Man ist nicht allein! Oder bei Sandra Winkler nachlesen. Rebellion sei das keineswegs, sondern Forschungsarbeit: „Wie ein Alien, der gerade auf der Erde gelandet ist, muss es herausfinden, wie sich die Dinge um es herum verhalten.“ Ähnlich hatte Professor Otto Waalkes weiland das physikalische Prinzip der Schräge erläutert anhand der Versuchsanordnung eines Objekts (Vase) auf der schiefen Ebene (Brett): Je kürzer der Rutschfaktor Ssst, desto eher der Aufprallfaktor Bums!

So sitzt Einstein junior in seinem Kinderstuhl und erfährt, dass manches matscht und anderes klirrt – welch hochinteressante Erkenntnis. Die besser nochmal überprüft wird. Kann ja sein, dass die Erdanziehung es sich plötzlich anders überlegt hat. Beim Experimentieren werden tatsächlich wissenschaftliche Methoden genutzt, die wir hier freilich noch in Anführungszeichen setzen können, etwa in Bezug auf Regelmäßigkeiten und Abweichungen. Winkler: „Die neuere Säuglingsforschung geht davon aus, dass mehr logisches Denken in den kleinen Köpfen steckt als vermutet. Unterschätzen Sie also nie ein Baby!“ Auch wenn nichts mehr nervt und einem rein gar nichts sinnloser erscheint. Jugend forscht!

Übrigens: Kinder können sich erst ab drei in jemanden hineinversetzen, wollen also niemanden ärgern. Sich aufregen bedeutet nur: Aufmerksamkeit!

Warum essen Kinder immer das Gleiche?

Pasta, Pommes, Pudding. Und wieder von vorne. Probier doch mal… Rabäääh, Rabatz! Diese eine von 40 Fragen, die Sandra Winkler mit Hilfe von Experten und Studien beantwortet, dürfte Eltern besonders bekannt sen. Auch noch aus Erzählungen von sich von früher. Denn Unbekanntes, gar Bitteres abzulehnen, ist evolutionär – und sollte einigen Neandertalern das Leben gerettet haben. Am Anfang wollen die Schnuten noch alles probieren, was Mama und Papa sich in den Mund stecken – sozusagen als Vorkoster des kleinen Prinzen. Wenn sie laufen können und verbotene, weil womöglich giftige Früchte in Reichweite gelangen, setzt dieser natürliche Schutzinstinkt ein. (Ohne Gewähr, denn für manche sind die giftigroten Vogelbeeren leider allzu anziehend) Die Angst lässt erst mit dem Älterwerden nach, wenn die Organe widerstandsfähiger geworden sind – Pech nur, dass dann oft längst der Gewöhnungseffekt eingesetzt hat. Schon wieder Nudeln? Jaaa! Der Trick: jede Speise acht bis 15 Mal probieren lassen. Nicht den verlockenden Weg des geringsten Widerstands einschlagen. Und sich bitte nicht zu schnell verunsichern lassen, rät Sandra Winkler: „Die Eltern bestimmen, was und wann es zu essen gibt. Das Kind entscheidet, wie viel. Und auch wenn sie nicht wie Else Kling klingen will, hadert die Autorin selbst: „Wann und warum nur haben wir angefangen, jedem Hosenscheißer seine Extrawurst zu braten?“

Warum trödeln Kinder so?

Wir haben Termine. Kinder haben Zeit. Was sie nicht haben, ist Zeitgefühl. So einfach ist das. Der Zeitlupenmodus hat aber auch einen Grund – Spontaneität und Flexibilität sind halt noch Fremdwörter...

Warum steckt in kleinen Kindern so viel Wut?

Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung. Um zwei nach sieben kann sie schon wieder untergehen! Die Trotzphase (ab 18 Monaten) wird nicht von ungefähr Baby-Pubertät genannt. Mehr Hulk als Merkel: Für die Entwicklung wichtig – so bildet sich der eigene Wille. Und der spätere Umgang mit Stress und Konflikten. Sandra Winkler: „Gezeter und Gebrüll sind Investitionen in die Zukunft.“ Also: aushalten! Und zeigen: „Ich sehe, dass du wütend bist. Ich liebe dich trotzdem.“ Dann hilft nur noch Trösten.

Auch online Hilfe finden

Ein Ratschlag ist auch ein Schlag, heißt es, und doch gibt es so viele Erziehungsratgeber wie rote Bobby-Cars. Sandra Winkler ist selbst Doppel-Mutter, berichtet also – mit einigen Experten – aus erster Hand. Die 47-Jährige schrieb aber auch schon über ihre eigenen Macken („Er nannte mich Fräulein Gaga“).

Erziehungshilfe auch im Netz: Hinter familienhandbuch.de z.B. steckt das Staatsinstitut für Frühpädagogik. Das NRW-Familienministerium listet Hotlines für akute Krisensituationen auf chancen.nrw und finanziert das bundesweite Portal bke-online.de mit geschützten Chats für Eltern und Teenager.

Ein Angebot der Funke Mediengruppe ist die neue Kinderzeitung CHECKY !

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