Pädagogik

Experte: Jungs werden in der heutigen Erziehung weichgespült

Die Botschaft: „Finde deinen eigenen, männlichen Erziehungsstil, mach spannende Dinge mit den Kindern, die dir selbst Spaß machen.“

Die Botschaft: „Finde deinen eigenen, männlichen Erziehungsstil, mach spannende Dinge mit den Kindern, die dir selbst Spaß machen.“

Foto: Getty Images

Düsseldorf.  Männer-Manager Bjørn Leimbach will mehr Bevaterung, weil die Pädagogik heute die Jungs verweichliche. Welche Chancen birgt dabei das Homeoffice?

„Kinder können sich schon mal verbrennen, man muss nur aufpassen, dass sie nicht in Flammen aufgehen.“ Nehmt das, Helikopter-Eltern! Und komm, noch einen, ihr Softie-Daddys: „Wenn auf einem Spielplatz auf Initiative der Erziehungsberechtigten die Dornenhecken entfernt werden, weil Verletzungsgefahr besteht, läuft etwas falsch. Dann erleben wir eine Überbetonung von Sicherheit, Angst und Kontrolle statt einer frühkindlichen Erfahrung von Schweiß, Tränen und Blut.“ Rums!

„Stillsitzen ist was für Mädchen“

So, alle wieder durchatmen und lockermachen. Diese Sätze, die nach Arnold Schwarzenegger als „Kindergarten Cop“ klingen, stammen von Bjørn Leimbach, einem Trainer und Therapeuten, dessen Internetseite nicht von ungefähr hier zu finden ist: maennlich.de – doch geben wir ihm die Gelegenheit, seine Motive zu erläutern. Und beginnen in seiner Praxis. Leimbach: „Viele kommen seit 25 Jahren zu mir, die Orientierung suchen, mit Identitätsproblemen. Da liegen die meisten Ursprünge in der Kindheit, das ist ja Allgemeinwissen in der Psychologie. Ich möchte aber nicht nur reparieren, sondern vorbeugen. Um ein gesundes Gefühl für Männlichkeit zu entwickeln.“ Denn das, so Leimbach, habe in der Prägephase einen schweren Stand. „98 Prozent der Betreuer in der Kita sind weiblich, wo einseitig feminine Qualitäten gefördert und das Junge­sein regelrecht abtrainiert wird.“

Dazu komme die Verunglimpfung der Väter in der Werbung und vor allem in sämtlichen Kinderbüchern. „Die Väter sind die Trottel, das prägt.“ Den Jungs werde der Glaube an das erste Vorbild genommen – „und dann wird es sehr schwierig, ein positives maskulines Bild zu entwickeln, ohne die entsprechende Sozialisation.“

Kleine Mutproben

Spielen, Körperlichkeit, Raufen gehören dazu. „Lasst die Kinder den Baum hoch klettern, lasst sie über den Fluss springen und Regenwürmer essen!“ Kleine, altersspezifische Gefahren und Mutproben, am besten draußen, empfiehlt Leimbach. „Kaputte Knie gehören doch dazu. Ich komme aus einer Generation, in der ich das noch hatte. Männliches Verhalten wird nicht durch Basteln, Malen und Singen trainiert. Stillsitzen ist was für Mädchen. Wenn man Jungs solche Erfahrungen nimmt, werden sie ängstlich, werden sie weichgespült – und kriegen genau die gleichen Probleme, die Männer heute haben: dass ihnen Rückgrat fehlt, dass ihnen Biss fehlt, die positive Aggression.“ Und was ist daran so schlimm? „Man braucht Entscheidungsfreude, Mut, Risikobereitschaft, um seine Ideen durchzubringen im späteren Leben. Wer permanent in Watte gepackt wird, kann das nicht entwickeln. Die Erziehung ist einseitig, das System ist von Frauen gemacht“, erläutert Leimbach. „Überbehütung ist auch eine Form der Kindesmisshandlung.“

Eine ganz zentrale Rolle spiele dabei der Vater, sagt der vierfache Vater – und die Beziehung zum eigenen Vater. „Das meint mein Begriff der Bevaterung.“ Deshalb sei das auch das wichtigste Thema in seinem Podcast zu vielen, wenn nicht allen Fragen des Lebens. „Weil der Vater die wichtigste Person im Leben eines Mannes ist!“

Was es kompliziert macht: „In 89 Prozent der Trennungsfamilien lebt das Kind bei der Mutter, es brauche aber die Präsenz des Vaters“, so Leimbach. „Die Besuchspapa-Situation ist oft frustrierend, teils traumatisch.“ Abwesenheit komme Liebesentzug gleich. Ein Kind versteht nicht die Gründe, es bezieht es auf sich. Leimbach hat es mit dem eigenen Vater erlebt. Heute hat er sogar Verständnis: „Niemand hat den perfekten Vater, der alles richtig macht. Selbst wenn er ein Multi-Genie ist, dann nervt genau das. Aber jeder Vater wünscht sich das Beste für seine Kinder.“

Ohne Bemutterung geht’s auch nicht

Zur Ehrenrettung ist dem Männer-Manager wichtig zu betonen: „Der zweitwichtigste Mensch ist natürlich die Mutter. Ohne Bemutterung fehlt dem Kind etwas: die persönliche Bindung, sprich die Beziehungsfähigkeit, das Urvertrauen. Da das aber einseitig ist in unserer Gesellschaft, geht es mir um die Betonung der Bevaterung, da geht es mir nicht um entweder-oder, sondern um Ausgleich.“

Falsch verstandener Feminismus? „Die Mutterrolle zu klären, ist genauso wichtig für einen Mann, um frei zu werden. Wenn der Vater nicht da ist, übernimmt der Junge eine Ersatzpartnerrolle. Das ist heute extremst verbreitet, daran arbeite ich mit den Männern. Ödipus ist aktueller denn je“, sagt Leimbach.

Wir stellen uns also den Loser vor, den Lappen in der Multifunktionsjacke, der den Fahrradhelm im Bioladen aufbehält. Wollen die nicht auch nur alles richtig machen, vielleicht die Fehler der Väter vermeiden? Leimbach: „Man gibt immer das weiter, was man selbst erlebt hat. Die unerledigten Themen werden auch weitergegeben. Wenn ich als Mann offene Rechnungen mit meinem Vater habe, kann ich mir vornehmen, das alles anders und besser zu machen, aber in der Regel wird es nicht gelingen. Die Voraussetzung, ein guter Vater zu sein, ist das eigene Verhältnis zum eigenen Vater zu klären.“

Leimbachs einfache Formel: „Jeder muss sich fragen: Möchte ich im Alter so von meinen Kindern behandelt werden, wie ich meinen Vater behandele? Kinder spüren, ist da Respekt, Wertschätzung, sogar Liebe vorhanden – und gucken sich das ab, so wird es in die nächste Generation weitergetragen.“

Es kommt zu einer Auflösung der Rollen, befürchtet Leimbach, und „komischen Modellen wie Gender Mainstreaming, also einer Auflösung der Geschlechterrollen. Jungs brauchen kein Neutrum und kein ,Eltern 2’, sie brauchen ein männliches Modell als Orientierung, das ihnen zeigt, was Männlichkeit ist.“ Einer der Faktoren für langfristig scheiternde Beziehungen seien die gestörten zentralen Primär-Beziehungen mit Vater und Mutter. „Das hängt in der Psychotherapie alles zusammen.“ Leimbach: „Die Abwesenheit des Vaters erhöht das Risiko eines gescheiterten Lebens.“

Welche Chancen und Risiken bietet da womöglich die Pandemie-bedingte Verlegung wenigstens des Arbeitsplatzes ins ? Bjørn Leimbach sieht da nur wenige Vorteile. „Es ist gut, wenn der Vater präsent ist. Die Kinder haben aber nichts davon, wenn er dann physisch etwas mehr da ist, aber auf keinen Fall gestört werden darf.“ Gar kein Gewinn? „Doch, vielleicht kann man die Zeit, die man sonst im Auto im Stau verbringt, den Kindern widmen. Sie brauchen aber die ungeteilte Aufmerksamkeit – dann darf man nicht dabei noch ständig auf dem Handy rumfummeln. Nur dann ist es ein Mehrwert.“ Er empfiehlt Vätern, mal ohne die Mutter etwas mit den Kindern zu unternehmen. „Die Mutter freut sich, wenn sie mal Zeit für sich hat. Meine Botschaft: Finde deinen eigenen, männlichen Erziehungsstil, mach spannende Dinge mit den Kindern, die dir selbst Spaß machen.“ Vorzugsweise in der Natur. „Da gibt‘s noch Orte mit Abenteuern. Sei ein Held für deinen Sohn!“

Von früher und heute

Die drei Kleinsten von Bjørn Leimbach, Jahrgang 1964, besuchen den Waldkindergarten. „Da wird geschnitzt und da schneidet man sich auch mal, ohne dass gleich der Erzieher verklagt wird.“ Die Familie lebt in Düsseldorf, aufgewachsen ist Leimbach im Ruhrgebiet. „Wo wir Banden gegründet und Buden gebaut haben – und noch richtige Jungs sein durften.“ Er arbeitet heute als Autor („Bevaterung“, Ellert & Richter-Verlag, 240 Seiten, 16,95 Euro), Therapeut und Coach für Persönlichkeitsentwicklung.

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