Kolumne: Geschenkt

Ist das Kindheit oder kann das weg? Aufräumen nach dem Abi

 

 

Foto: Funkemedien

Jahrelang fluchen Mütter über das Chaos im Kinderzimmer. Kaum sind die Blagen groß und misten aus, heulen wir jedem Ü-Ei-Scheusal hinterher.

Seit fast zwei Jahrzehnten rege ich mich über die Unordnung meiner Kinder auf. Schon der Schnuller meiner Tochter saß schief. Nun sind die Blagen groß und ich begreife: Schlimmer wird es, wenn sie plötzlich aufräumen.

Irgendwann hatte ich akzeptiert: Kinderzimmer brauchen keine Teppiche, sie werden mit Kleidung ausgelegt. Schubladen sind riesige Mäuler, die alles schlucken und nie mehr zugehen. Bettenmachen ist eine Bürde, die man Schülern nicht zumuten kann. Und zu einer glücklichen Kindheit gehören Tausende Kleinteile, vom Ü-Ei-Küken bis zum Lipgloss, die alle Lücken im Zimmer ausfüllen, als wären sie Dämm-Material gegen das Großwerden. Ich fing an, die Architektur der Krimskrams-Türmchen zu bestaunen. Eine Milde, die einsetzt, wenn man weiß, dass die Kinder bald ausziehen.

Rrrromms! Da bebte die Wohnzimmerdecke. Marshas gesamte Jane Austen-Bücher, die auf Papas altem Plattenspieler balancierten, sind abgestürzt, ahnte ich. Vorurteil! Stolz wuchtete unsere Tochter einen Waschkorb voller Urlaubs-Souvenirs und DIN-A4-Hefter in den Flur. Die Schulzeit sei vorbei, jetzt werde ausgemistet. Das klang herrlich und – furchtbar. Mindestens 15 Jahre lang hatte ich versucht, dem Kind die verstaubten Firlefanz-Kisten abzuringen. Nun wurde mir klar, dass ich im Haus nie wieder barfuß in ein Playmobil-Fohlen treten würde. Ich sah einen eisweißen Raum, in dem meine Tochter sich an einem puristischen Schreibtisch auf eine coole Karriere vorbereitet.

Krempel, kniehoch

Die kleine mütterliche Wahnvorstellung zerstreute sich buchstäblich, als ich die Zimmertür öffnete und eine Vase voller Glasperlen umkegelte. Auf dem Fußboden lagen kniehoch mehrere Krempel-Schichten. Wohn-Geologen könnten darin die Zeitalter „Kindheit“, „Pubertät“ und „Abitur“ ablesen. Mittendrin saß unsere 18-Jährige und seufzte. Wir sollten was raustragen, schlug ich vor. Marsha strahlte und schleppte kiloweise Schulhefte und Bücher – liebevoll in das Zimmer ihres Bruders: „Deine Schul-Unterlagen, mit Dank zurück!“ Joey, der sich mit jedem Semester mehr für eine Laufbahn als zerstreuter Professor qualifiziert, knurrte am Schreibtisch irgendwas Unflätiges und vergaß im selben Moment, warum. Der Papierberg wird bis zu seinem Auszug liegenbleiben.

Auf Marshas Boden war nun ein Eckchen frei. Unsere Tochter ließ sich nieder, musterte den Berg Arbeit. Och... erst würde sie Terrakottatöpfe bunt anmalen, für Stifte. Und Holzkisten streichen, für, äh, irgendwas. Dann das Bett in Vintage-Grün lackieren. Eine Wand in Gelb...

So geht wohl Lebenskunst. Man stiftet Chaos und verziert es mit Farbe. Ich schloss leise die Tür und dachte: voll in Ordnung!

Vintage-Grün, Baumarkt, 16,90€

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