Stil

Ist das Kitsch oder kann das weg? Geschmacksfragen und mehr

Schöner als schön: Manchmal kommt Kitsch auf Samtpfötchen zweier Kätzchen daher.

Schöner als schön: Manchmal kommt Kitsch auf Samtpfötchen zweier Kätzchen daher.

Foto: Evgeniy Fedorcov

Essen.   Er flattert durch unser Leben wie ein Schmetterling in der Sommersonne. Doch Kitsch ist weit mehr als Nippes, Schwulst und schlechter Geschmack.

Bambi steht auf wackligen Beinchen im verschneiten Winterwunderwald, die Äuglein mit Tränen gefüllt, gerade hat er vom tragischen Schicksal seiner Mutter erfahren. Zum Glück darf Walt Disneys Weißwedelhirschkalb im Laufe des Films nicht nur seiner großen Liebe begegnen, sondern in der Schlussszene – begleitet von orchestralen Klängen – auch würdevoll von einem Felsen seinen Wald überblicken ...

Na, wenn das mal kein Kitsch ist, oder? Nicht, wenn man ein vierjähriges Kind fragen würde. Es könnte wohl sagen, ob ihm der Film gefällt oder nicht. Auf die Frage, ob er ihm zu kitschig ist, bliebe das Kind aber vermutlich eine Antwort schuldig. „Kinder haben noch keine ästhetischen Maßstäbe wie Erwachsene ausgebildet“, sagt Frank Leinen, Professor der Romanistik an der HHU Düsseldorf. Kinder müssten erst Erfahrungen sammeln, ein Verhältnis zur Welt entwickeln – und damit auch zum Kitsch.

Mit Blümchen verzierte Tapeten

Doch das Kind wird erwachsen und Bambi vielleicht immer noch mögen – aber auch einen Abstand zur idyllischen Darstellung entwickelt haben. Vielleicht wird das Kind dann romantische Vampirgeschichten schrecklich kitschig finden, aber mit Blümchen verzierte Tapeten fantastisch. Vielleicht wird es Porzellanfigürchen in Pastellfarben sammeln, Hirtenknaben mit Wanderstöckchen in einer Vitrine arrangieren. Und darauf angesprochen, sagen: „Naja, ich stehe eben auf Kitsch“ – und dabei entschuldigend lächeln.

Der schlechte Ruf eilt ihm voraus

Denn Kitsch hat keinen guten Ruf. Und das von Anfang an: Seinen Ursprung hatte das Wort vermutlich in der deutschen Kunstszene des 19. Jahrhunderts. Möglich, dass es sich von „verkitschen“ ableitet, das bedeutet, jemandem etwas Unnötiges, Unnützes aufzuschwatzen. Möglich ist aber auch, dass der Begriff vom „Kitschen“ kommt – dem Zusammenscharren von Schlamm und Dreck. So genau weiß das heute niemand mehr.

Wo der vermeintlich gute, ästhetische Geschmack endet

Doch der Schmutz haftet dem Kitsch bis heute an – auch wenn eine exakte Definition des Begriffs schwer fällt. Für die einen ist Kitsch das Gegenteil von Kunst, die beliebige Massenware vom Fließband, für andere die süßlich-liebliche Illusion von Idyll und klischeehafter Perfektion. Kitsch beginnt auch für viele da, wo der vermeintlich gute, ästhetische Geschmack für sie endet. Der bedeutende Soziologe Norbert Elias brachte es bereits in den 1930er-Jahren auf den Punkt: „Der Begriff ,Kitsch‘ neigt zur Verwaschenheit. Wer will, mag sich um Definitionen streiten.“

Streiten möchte Professor Frank Leinen nicht: „Kein Mensch kann allen Ernstes sagen, was Kitsch allgemeingültig ist, jeder beurteilt das für sich selbst.“ Man müsse sich nur umschauen, Kitsch begegne einem überall: im Alltag, in der Architektur, der Musik, dem Film oder der Literatur. „Kitsch kann Kunst sein, und Kunst Kitsch.“ Jeff Koons würde da nicht widersprechen: Der US-amerikanische Konzeptkünstler bewegt sich mit seinen Werken bewusst zwischen den beiden K-Worten und wurde mit Skulpturen wie der vergoldeten Michael-Jackson-Porzellanfigur oder seinen bunten, überdimensionalen Ballontieren nicht nur salon- und museumsfähig, sondern auch kommerziell erfolgreich. Sein orangefarbener Luftballonhund verkaufte sich 2013 für über 58 Millionen US-Dollar – bis heute das teuerste Werk eines lebenden Künstlers, ob das nun jeder nachvollziehen kann oder nicht.

Was Kitsch für uns tut

So ist das mit dem Kitsch: Vielleicht treibt es dem einen die Scham- oder Zornesröte ins Gesicht, wenn im Roman „die Zeit stillstand, als sich ihre Lippen das erste Mal berührten“ oder „Herzen wie wild in der Brust pochten“. Dem anderen bereiten vergleichbare Zeilen ein wohliges Gefühl. Und beim nächsten ist es vielleicht eine Mischung aus beidem. Vielleicht schämt man sich ein klein bisschen für das offensichtlich Kitschige, das man schätzt. Er polarisiert und kann ambivalente Gefühle verursachen, nur vollkommen egal ist Kitsch den wenigsten. Wie auch, immerhin ist man wohl auch selbst für Kitsch verantwortlich: „Objekte, wie etwa die bunte Lieblingstasse, machen uns Angebote, sie mit Gefühlen zu kultivieren. Das heißt: Wir projizieren Gefühle auf Objekte oder Inhalte – diese spiegeln uns das als Kitsch wider“, sagt Frank Leinen. So sentimentalisieren wir den Gegenstand zum Kitsch – und er im Gegenzug uns.

Wenn es zu viel des Guten wird

Für Leinen keine negative Eigenschaft: Denn Nippes beispielsweise biete den Menschen Orientierung und Heimeligkeit, wo sie sie bräuchten. Sei es der röhrende Hirsch im Wohnzimmer oder der glitzernde Schlüsselanhänger, den man überallhin mitnimmt. Souvenirs etwa könnten Erinnerungen wachrufen. Und um dem Ganzen ein Krönchen aufsetzen: Kitsch sei bei manchem gar eine Lebenseinstellung: „Künstler wie Sängerin Lady Gaga oder Designer Harald Glööckler jonglieren mit Kitsch.“ Da schillern Strasssteinchen, da glänzen goldene Pailletten; das muss doch Kitsch sein?! Oder gerade eben ein bewusster, ironischer Bruch damit.

Kitsch könne Ordnung herstellen, sie aber auch brechen und damit für Rebellion und Widerstand in einer sachlichen Realität stehen, so Leinen, der in diesem Zusammenhang den Kitsch als einen „Zufluchtsort fernab der Logik“ sieht und fordert: „Das Recht auf Kitsch sollte ein Menschenrecht sein.“

Unrealistische Erwartungen an das eigene Leben

Denn auch ein vor Klischees und schwülstigen Liebesbekundungen triefender Roman oder Film kann laut Leinen unter Umständen eine therapeutische Wirkung haben. „Man versinkt in eine heile Welt und fühlt sich besser, man lehnt sich also gegen seinen eigentlichen Zustand auf.“

Deutlich kritischer sieht das die Psychoanalytikerin Ruth Mätzler. Bei kitschiger Musik, Literatur und rührseligen Filmen gehe Kitsch ins Blut „wie Traubenzucker“, es bestehe aber die Gefahr, dass die „,heile Welt’, wie sie der Kitsch heraufbeschwört, mit der Realität verwechselt wird”. Die Folge sind, so Mätzler, „unrealistische Erwartungen an das eigene Leben und an die Menschen aus dem engeren Umfeld. Der Kitsch schwappt gewissermaßen auf die zwischenmenschlichen Beziehungen über und lässt die Toleranzschwelle für Nichtperfektes gegen Null absinken.” Auf den Punkt gebracht: „Kitsch ist Gift, weil er der Unzufriedenheit ständig Nahrung gibt.“

Eine Frage der Dosierung

Mätzler hat sich mit den dunklen Seiten des vermeintlich Schönen auseinandergesetzt und ein Buch dazu geschrieben. Der Titel: Kitsch und Perversion. Immer, wenn Realität ständig auf den Kopf gestellt, wenn manipuliert und gelogen wird, was das Zeug hält, läuft laut Mätzler jede Kitschausübung Gefahr, in Perversion umzuschlagen. Etwa, wenn in einer Beziehung hinter der verkitschten Fassade von familiärer Harmonie Konflikte systematisch ausgeblendet werden.

Vielleicht also, ist es mit dem Kitsch wie mit so vielen Dingen eine Frage der Dosierung. Für Ruth Mätzler zumindest gehören Kitsch und Sentimentalität zusammen „wie die Kirmes und der mit rotgefärbtem Zucker glasierte Liebesapfel. Wenn man zu viel davon isst, bekommt man Karies”.

>>> Kathrin Ackermann über Kitsch im nationalen Kontext

Kathrin Ackermann ist Professorin der Vergleichenden Literatur- und Kulturwissenschaft an der Uni Salzburg. Sie beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Kitsch und Nation. Mit Tanja Ransom sprach sie über die besondere Rolle von Kitsch in Deutschland.

Das deutsche Wort „Kitsch“ wurde in viele andere Sprachen übernommen. Wieso kommt der Begriff gerade aus Deutschland?

Das Ganze begann schon bei Goethe und Schiller, wenn man so will. Damals, Ende des 18. Jahrhunderts, gab es in Deutschland eine Debatte um den Dilettantismus: Die Schriftsteller dieser Zeit wehrten sich vehement dagegen, dass nun ein jeder Romane lesen konnte, nicht nur Buchkenner. In Fachkreisen entflammten Diskussionen, die sich quer durch das ganze 19. Jahrhundert zogen – und tatsächlich nirgends so intensiv geführt wurden, wie in Deutschland. Gerade durch die Entwicklung des „Kitsch“-Begriffs fand zu Beginn des 20. Jahrhunderts erneut eine klare Abgrenzung statt: zwischen „echter“ und trivialer Kunst. So lehnten zum Beispiel viele Kritiker neue Medien wie etwa den Kinofilm und alles, was die große Masse anspricht, kategorisch ab.

Bedeutet der Begriff „Kitsch“ in unterschiedlichen Ländern denn das gleiche?

Nein. In Deutschland kennt jeder den Begriff, im Französischen ist es hingegen ein bildungsbürgerliches Wort. Dort bedeutet es allerdings so viel wie „retro“. Diese Gefühle, Aufladungen und Vorstellungen, die man im deutschsprachigen Raum mit Kitsch in Verbindung bringt, gibt es dort nicht.

Im Deutschen ist der Begriff auch nach wie vor eher negativ konnotiert . . .

Ich denke, das hat auch mit dem Nationalsozialismus und dem belasteten Verhältnis zur nationalen Identität zu tun. Da war zum Beispiel der Heimatfilm der 1950er-Jahre: Er zeigte Bilder einer heilen Welt, das Wirtschaftswunder. Plötzlich hatte man auf der Leinwand vergessen, was bis 1945 in Deutschland geschehen war. Diese heile Welt, diese falschen Gefühle – da hatte sich eine Kitsch-Kultur gebildet, die dieses Kapitel der deutschen Geschichte ausblendete. Vor diesem Hintergrund kann Kitsch also durchaus auf Ablehnung stoßen.

Welche Bedeutung hat das, was wir Kitsch nennen, generell für eine Nation?

Kitsch kann auch viel mit Geborgenheit und Sicherheit zu tun haben – nicht unbedingt mit einer nationalen, aber oft mit einer regionalen Identität. Es kann sehr häuslich, lieblich und vermeintlich weiblich dargestellt sein. Und dann gibt es Formen, die alle überall gleichermaßen berühren, und alle miteinander verbinden – Kitsch ist heute zwar nicht weltoffen, aber globalisiert.

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