Kolumne

Jasis Woche: Die komische Kneipe in unserer Straße

| Lesedauer: 3 Minuten
Jacqueline Siepmann schreibt Jasis Woche.

Jacqueline Siepmann schreibt Jasis Woche.

Foto: Foto: NRZ / Funkegrafik

Betreibt da jemand heimlich eine Pop-up-Kneipe, oder warum ist es am Wochenende nachts immer so laut vor der Wohnung unserer Autorin?

Kurz nach Mitternacht, womöglich auch etwas später, kommt jemand und beginnt klammheimlich und ganz leise mit dem Aufbau seiner kleinen Kneipe. Es ist eine Pop-up-Kneipe, die irgendwann da steht und dann auch schnell wieder verschwindet, so als hätte es sie nie gegeben, es ist ein Lokal unter freiem Himmel. Es liegt ein gutes Stück entfernt von potenziell angesagten Treffpunkten in einer für diese Art der Gastronomie eher ungewöhnlichen Gegend.

Vielleicht wird dort ein leckeres Bierchen ausgeschenkt – als Absacker zum Abschluss eines netten Abends. Man weiß es nicht genau, wir selbst jedenfalls waren noch nie dort. In jedem Fall geht es dort sehr lebhaft und gesellig zu, Menschen plaudern angeregt und lachen ausgelassen, für meinen Geschmack manchmal ein wenig zu laut. Aber so ist es eben. Und wenn die letzten Gäste bei Anbruch des Morgens gegangen sind, wird die Theke zusammengeklappt, dann verschwindet die kleine, ambulante Kneipe wie von Zauberhand wieder – bis zum nächsten Wochenende.

Die Geschichte kommt Ihnen komisch vor? Und uns erst. Aber anders lässt sich kaum erklären, was sich neuerdings freitags- und samstagsnachts auf dem Bürgersteig direkt vor unserer Wohnung abspielt. Dabei wohnen wir weitab vom Schlag, in einem Viertel, in dem die meisten spätestens um halb elf das Licht ausmachen, selbst am Wochenende. Alles, was nur im entferntesten mit Clubkultur oder Nachtleben zu tun hat, liegt kilometerweit entfernt, soweit wir wissen. Aber vermutlich wird unsere Adresse neuerdings als Szenetipp gehandelt.

Vielleicht nur eine kurze, laute Rast vorm Haus

Jedenfalls spazieren seit den Coronalockerungen an den Wochenenden massenhaft Leute ab zwei Uhr morgens durch unsere Straße. Und dann bleiben sie – immer – vor unserem Haus stehen und unterhalten sich angeregt, stundenlang, jedenfalls scheint es so. Denn um diese Zeit liegen auch wir im Bett.

Im Halbschlaf meine ich das Ploppen von Sektkorken und das Klirren von Gläsern zu hören. Der Dämmerzustand destilliert eine Fantasie von der temporären Kneipe direkt vor unserer Tür. Massen von jungen Leute drängen sich in dieser Mediumwach-Sequenz bestens gelaunt am gemütlichen Mäuerchen des Vorgartens. Ich stelle mir vor, dass der unbekannte Wirt jetzt, wo es nachts doch empfindlich frisch wird, vermutlich Heizpilze aufstellt oder wärmende Decken an die Gäste verteilt.

Ich habe mir vorgenommen, demnächst am Wochenende mal lange aufzubleiben und rauszugehen – für den Realitätscheck. Denn womöglich stehen da nur zwei Leutchen, um nach dem anstrengend Gang über unsere steile Straße auf halber Höhe vor unserem Haus nur eine kleine Atempause einzulegen. Oder schlimmer noch: Nicht, dass da am Ende gar nichts ist – außer komischen Träumen.

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