Das besondere Museum

Literatur im Museum: Die schönsten Schwarten von Westfalen

„Am liebsten lese ich dicke Schinken“: Mit diesem Satz wird Jürgen von Manger alias Adolf Tegtmeier im Museum zitiert. Dirk Bogdanski (r.) steht dabei vor der ehemaligen Räucherkammer des Rittergutes Nottbeck.

„Am liebsten lese ich dicke Schinken“: Mit diesem Satz wird Jürgen von Manger alias Adolf Tegtmeier im Museum zitiert. Dirk Bogdanski (r.) steht dabei vor der ehemaligen Räucherkammer des Rittergutes Nottbeck.

Foto: Michael Gottschalk / FUNKE Foto Services

Oelde.  Von Aliens bis Voltaire: Das Museum der Westfälischen Literatur in Oelde würdigt auf einem alten Rittergut die Autoren und die Bücher der Region.

Wenn der Westfale in alten Zeiten mal in der Weltliteratur auftauchte, kriegte er sein Fett weg: „In großen Hütten, die man dort Häuser nennt, sieht man Tiere, die man als Menschen bezeichnet, die ganz vertraut mit den anderen Haustieren zusammenleben. Ein merkwürdiger harter Stein, schwarz und klebrig, angeblich aus einer Art Roggen zusammengebacken, ist die Nahrung der Hausväter.“

Der Herr, der dies so gnadenlos niederschrieb, war hochgerühmt für Lyrik, Dramen, Parodien, aber er war – man muss es ganz hart sagen – eben doch Franzose, also einer, dem man schlecht ein handfestes westfälisches Schwarzbrot anstelle eines luftig-lockeren Baguettes schmackhaft machen konnte. Kurz: Voltaire (1694-1778) lobte die Landschaft und schmähte die Menschen Westfalens.

Zwischen Günter Grass und Perry Rhodan

Seitdem ist recht viel Zeit ins Land gezogen – auch über Voltaire selbst ist längst Gras gewachsen. Und freilich kannte der kritische Franzose weder die nachgeborene Annette von Droste-Hülshoff noch das Museum der Westfälischen Literatur auf dem Kulturgut Nottbeck in Oelde. Gewiss wäre sein Urteil sonst milder ausgefallen.

„Man will hier nicht so tun, als sei Westfalen das Land der Literatur schlechthin. Man macht hier Entdeckungen. Und es ist nicht besser und nicht schlechter als andere Regionen auch“, befindet Kulturmanager Dirk Bogdanski (49) recht nüchtern. Dennoch: Man glaubt kaum, wie weit sich der Bogen spannt, wenn man zwischen Bottrop und Höxter, zwischen West- und Ostfalen nach Autoren und Literatur sucht. Das führt grob gesagt von Günter Grass’ „Treffen in Telgte“ bis zu den äußersten Ausläufern des Perryversums, denn gerade wird im Museum der westfälischen Science-Fiction gehuldigt. Und auch wenn Perry Rhodan selbst nie in Oelde landete, so schaffte es einer seiner Väter, Hartmut Kasper aus Wanne-Eickel, kürzlich zur Lesung hierhin. Gemessen an der Auflage spielt Kasper in der intergalaktischen Spitzenklasse.

Eine Kölner Bibel auf Plattdeutsch

Doch mal zurück auf die Erde und in die Dauerausstellung, die auch nach einer Generalüberholung 2018 zunächst mit einem thematisch überraschend breit aufgestellten, chronologischen Rundgang beginnt. Da trifft man dann gleich auf eine Kölner Bibel aus den Jahren 1478/79, die ihrem Namen alle Ehre macht, denn sie wurde in Plattdeutsch gedruckt – eigentlich eine ungeheure Anbiederung ans Volk, denn damals war Latein ja Kirchensprache.

Doch wer nun argwöhnt, dass hier zwischen Klassikern, historischen Werken und den Trivialen der Moderne nicht viel Substanz steckt, darf beruhigt sein. Man findet sie alle: den Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, die Dortmunder Gruppe 61, die Droste, den Freilingrath, den Büchner-Preisträger Ernst Meister. Und gibt es eine Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Literatur, die man im sogenannten Cyberroom hautnah erleben kann. Hier schildern 36 westfälische Autoren in Videos, darunter der Tilman Rammstedt und der im vergangenen Jahr verstorbene Wiglaf Droste, was ihre literarischen und sonstigen Motive und Themen sind.

Viele Projekte laufen interdisziplinär

„Zu meinen Lieblingen zählen die Vertreter der konkreten Poesie“, sagt Hausherr Walter Gödden (65), der auch die LWL-Literaturkommision in Westfalen leitet. Ihm ist zu verdanken, dass an dieser Stelle das Museum entstanden ist. Denn die einstige Besitzerin hatte das zur Ruine verfallene Rittergut 1987 an die Stadt Warendorf vererbt, mit der Auflage, hier eine öffentliche kulturelle Nutzung zu installieren. Als Walter Gödden davon hörte, begann er zu kämpfen fürs Literaturmuseum, 2001 wurde eröffnet. „Als Künstlerort sollen hier Projekte angestoßen werden, die auch interdisziplinär laufen können“, so Gödden. Viele Bands waren schon zu Gast, Theaterprojekte, Kabarettisten. Und im Sommer laden Hörstationen im Freien zu längeren literarischen Pausen ein.

Wer in all der Vielfalt auf des Pudels Kern kommen möchte und nach Goethe sucht: Den findet man im Freien, dort steht die Skulptur „Goethe schläft in Münster“ von Bernhard Kleinhans. Sie lässt den Dichterfürsten trotz geschlossener Augen über das Ensemble wachen.

>>>Das liebste Ausstellungsstück: „Ich kann keine Kunst mehr sehen!“

„Eigentlich ist mein liebstes Ausstellungsstück gar kein Buch“, sagt Dirk Bogdanski – was in einem Literaturmuseum ja zumindest ein bisschen überraschend ist. Es ist die beleuchtete Tafel, auf der Kunstprofessor Timm Ulrichs mit dem Schriftzug „Ich kann keine Kunst mehr sehen!“ abgebildet ist. Das Werk stammt aus einer Aktion von 1975, als er mit einer gelben Armbinde, einem Blindenstock und einer schwarzen Brille über die Art Cologne ging.

Die Fotografie von Ellen Poerschke sollte den damaligen Kunstmarkt und seine Kommerzialisierung kritisch ins Visier nehmen. Natürlich bietet dieses Bild mit seiner Aussage eine bittere Ironie, schließlich ist einerseits bei einem Blinden klar, dass er keine Kunst sehen kann, andererseits illustriert es die Übersättigung an kommerzieller Kunst. Der Protest war ebenso genial wie vergeblich, denn heute, 45 Jahre später ist der Kunstmarkt kommerzieller denn je zuvor.

Kulturgut Haus Nottbeck, Landrat-Predeick-Allee 1, Oelde, Tel. 02529/ 9497900. Öffnungszeiten: di.-fr. 14-18 Uhr, sa.+so. 11-18 Uhr, Führungen nach Vereinbarung. Eintritt freiwillig. Programm: kulturgut-nottbeck.de

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