Heimat

#MeTwo-Begründer entfacht neue Debatte um den Begriff Heimat

Du bist Deutschland: Man muss nicht erst Schützenkönig werden wie Emin Özel im traditionellen westfälischen Kulturkreis, hier mit Ehefrau Nilgün, um sich in unserer Gesellschaft angenommen zu fühlen.

Du bist Deutschland: Man muss nicht erst Schützenkönig werden wie Emin Özel im traditionellen westfälischen Kulturkreis, hier mit Ehefrau Nilgün, um sich in unserer Gesellschaft angenommen zu fühlen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Reinhard Rohlf / picture-alliance/ dpa

Essen.  Was ist Heimat? Wenn man 100 Menschen fragt, wird man vermutlich 1000 Antworten erhalten. Ein Interview mit #MeTwo-Begründer Ali Can aus Essen.

Was ist Heimat? Wenn man 100 Menschen fragt, wird man vermutlich 1000 Antworten erhalten. Ist Heimat für Menschen mit Migrationshintergrund noch einmal etwas anderes? Der Essener Sozialaktivist Ali Can (25), der unter dem Hashtag #MeTwo die Debatte über die Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund entfacht hat, geht dem in seinem Buch „Mehr als eine Heimat – Wie ich Deutschsein neu definiere“ nach. Georg Howahl traf ihn im Essener „Viel Respekt Zentrum“, das er leitet. Ein Gespräch über Alltagsrassismus und wie man Integration leben kann.

Herr Can, in den letzten Wochen konnte man allerorts Menschen in ihren traditionellen Gewandungen auf den Straßen sehen, die eigentümlichen, altertümlichen Gebräuchen frönten. Ich rede von Krachledernen, Dirndln und dem Oktoberfest. Viele denken bei so etwas an Heimat. Sie auch?

Can: (lächelt) Ja. Weil ich Menschen kenne, die gerne aufs Oktoberfest gehen. Auf meiner Facebook-Seite tauchen immer wieder Fotos von Freunden auf, die beim Oktoberfest Bier in der Hand halten und sich dort amüsieren. Wenn ich so etwas sehe, dann habe ich Heimatgefühle. Dazu muss ich ja nicht selbst mitmachen. Bedeutungen von Heimat gibt es allein durch die unterschiedlichen Bundesländer und Regionen genug. In Bayern gibt es die Schuhplattler; in Bremen bosseln die Menschen; und in Gießen, wo ich herkomme, essen die Leute Handkäs mit Musik. Und jetzt gibt es durch die Globalisierung einfach noch mehr Heimatentwürfe von Menschen, die eingewandert sind.

Der Titel Ihres Buches „Mehr als eine Heimat“ ist ja so zu verstehen, dass Menschen nicht nur ein Land, sondern zwei, drei oder mehrere als ihre Heimat begreifen dürfen, also quasi mehrere Heimaten haben. Wie sind sie darauf gekommen?

Als ich noch klein war, habe ich nie gesagt, dass ich Deutscher bin, weil es mir von außen nicht signalisiert wurde. Von außen wurde mir gesagt: Du bist Türke oder Kurde, eins von beidem.

Dabei leben Sie doch in Deutschland, seit Sie zwei Jahre alt sind…

Ja und trotzdem kam häufig die Frage: Fühlst du dich türkisch oder deutsch? Irgendwann habe ich für mich beschlossen, dass ich beides sein kann. Ich habe mit 18 Jahren für mich beschlossen, dass mich nicht viel unterscheidet von anderen Menschen, die hier aufgewachsen sind. Ich kenne den gleichen Literatur-Kanon, habe Goethe, Schiller, Büchner gelesen, habe den Tatort geguckt, kenne Pippi Langstrumpf und Heidi. Ich war hier im Kindergarten, ich bin der Sprache mächtig und arbeite hier – was also soll mich unterscheiden? Ich habe einfach noch etwas Zusätzliches: Ich bin deutsch und gleichzeitig noch etwas anderes. Diese Erkenntnis beginnt jetzt erst, sich bei jungen Deutschen mit Migrationshintergrund durchzusetzen. Das ist ein gutes Signal: wenn ich in Schulen gehe und die leuchtenden Augen der Kinder mit Migrationshintergrund sehe, wenn ich sage: Ihr dürft zwei Heimaten haben, ihr dürft euch deutsch fühlen. Ihr dürft Deutsche sein. Dann merke ich ihre Erleichterung.

Die Schule scheint für Kinder mit Migrationshintergrund besonders vorurteilsbeladen zu sein, sie berichten von Einser-Schülern, die wegen ihrer Herkunft nicht aufs Gymnasium vermittelt worden sind. Ist das heute noch so?

Ich mache gerade in Recklinghausen ein Schulprojekt. Die Schüler haben mir erzählt, dass sie auch in der Schule ausgegrenzt werden. Ihren Freunden aus anderen Städten wie Gelsenkirchen oder Dortmund passiert dasselbe. Wenn wir von der sogenannten Flüchtlingskrise nicht in eine Integrationskrise gleiten wollen, dann müssen wir vor allem den Kindern in der Schule das Gefühl geben, dass sie willkommen sind. Damit sie sich nicht verschließen. Das fängt ja im Kindesalter an.

Die #MeTwo-Debatte, die international hohe Wellen schlug, begann mit dem Foto von Özil und Erdogan – und dem anschließenden Umgang mit dem Fußballnationalspieler und Sportidol Özil. Sie waren da mit einigem nicht einverstanden, oder?

Das Foto mit Erdogan verurteile ich natürlich, aber das ist kein Freifahrtschein ihn “auszubürgern” oder rassistisch zu beleidigen. Ein großer Denkfehler bei der Integration besteht ja schon darin, dass man denkt, dass sogar Menschen, die hier geboren sind, sich integrieren müssten. Özil ist ein Kind des Ruhrpotts, der musste sich hier nicht integrieren. Bei Integration denken viele zunächst an einen Maßnahmenkatalog: Du musst die Sprache flüssig sprechen, musst einen Job haben, du musst die Gesellschaft mitgestalten. Es gibt viele Migranten-Jugendliche, die den Druck verspüren, sie müssten voll viele Sachen machen, bevor sie richtig angekommen sind. Ein Migrationshintergrund wird erst mal als Defizit betrachtet.

Ali Can: „Bei Uli Hoeneß schaut man nicht so genau hin“

Schaut man bei Migranten kritischer hin?

Einem Deutschen, der immer wieder falsch parkt, der oft geblitzt wurde und seine Steuererklärung immer zu spät abgibt, dem würde man doch nicht sagen, dass er nicht integriert ist oder nicht wirklich deutsch. Oder nehmen wir Uli Hoeneß: Der hat Millionen von Steuergeldern hinterzogen. Er saß sogar im Gefängnis dafür. Trotzdem wird er als Teil unserer Gesellschaft gesehen. Im ersten Kapitel stelle ich deshalb sofort klar: “Wer in Deutschland mit Skandalen „durchkommen“ will, ohne dass ihm gleich das Deutschsein abgesprochen wird, muss schon Gerhard Schröder, Oliver Kahn oder Lothar Matthäus heißen – sie alle haben sich ebenfalls bereitwillig mit hierzulande kontrovers diskutierten Politikern und Staatsoberhäuptern wie dem russischen Präsidenten Wladimir Putin oder dem saudischen König ablichten lassen.”

Eine der beeindruckenden Geschichten in ihrem Buch schildert, dass Sie in der Essener City-Nord Menschen mit Migrationshintergrund nach ihren Erfahrungen mit Rassismus gefragt haben – und die zunächst fast alle sagten, sie hätten keine. Als Sie aber nachgehakt haben, kamen alle mit ihren Geschichten…

Das war sehr traurig. Viele dieser Menschen, die teils seit Jahren hier leben, sagten: Wenn ich mich gegen Rassismus wehren würde, könnten die mich aus dem Land rausschmeißen. Ein anderer junger Asylsuchender meinte, er hätte ganz andere Probleme, nämlich erst mal anzukommen und Arbeit zu finden. Da bleibt kein Kopf und keine Zeit, sich gegen Rassismus zu engagieren. Das muss die Gesellschaft tun!

Wenn Sie von Heimat sprechen, dann kommen Sie auch auf den Punkt der gemeinsamen Werte. Können Sie das erläutern?

Das höchste Gut unseres Zusammenlebens ist die Verfassung. Im Grundgesetz sind die Werte zusammengefasst, die alles bestimmen sollen. Deshalb gibt es immer mehr Gesetze, damit Frauen gleichberechtigt sind, damit Menschen mit Behinderungen ein leichteres Leben führen können, damit Schwule und Lesben heiraten können. Nach und nach bemüht sich unsere Gesellschaft, diese Werte umzusetzen, dazu gehört auch Artikel 3 des Grundgesetzes, in dem sinngemäß auch steht, dass Migranten nicht benachteiligt werden dürfen. Das haben Kräfte wie die AfD übrigens nicht verstanden, deswegen sind sie auch nicht integriert. Sie missachten das Grundgesetz.

Sie verfolgen mit ihrem Buch einen konstruktiven Ansatz. Wie könnte dieser Ansatz die Welt ein gutes Stück besser machen?

Ich möchte Menschen inspirieren, sich gegenseitig einzuladen. Mein Buch ist ein Plädoyer für Freundschaft, denn Integration gelingt nur durch freundschaftliche Gesten. In zehn oder zwanzig Jahren kann das dazu führen, dass eine Frau namens Fatma hier sagt: Ich bin Deutsche. Und ein Mohammed, der Moslem ist, wird sagen wird: Ich lebe gern in Deutschland, weil ich hier meine zwei, drei, vier verschiedenen Seelen in der Brust vereinen kann. Mit dem Buch möchte ich zeigen, wie das gelingt.

Ali Can: Mehr als eine Heimat – Wie ich Deutschsein neu definiere, Duden-Verlag, 224 Seiten, 15€ Live-Lesung und Diskussion am Donnerstag, 05.12.2019, 19 Uhr, Kulturzentrum Grend, Westfalenstr. 311, 45276 Essen. Mehr Infos hier.

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