Patenschaften für Kühe

Neue Bauern-Regel: Kuscheln statt Schlachten

Auf Tuchfühlung mit der Kuh: Justine Grohmann und ihr Töchterchen Lia nähern sich den Tieren. Bald sind sie selbst Paten für ein Kälbchen.

Auf Tuchfühlung mit der Kuh: Justine Grohmann und ihr Töchterchen Lia nähern sich den Tieren. Bald sind sie selbst Paten für ein Kälbchen.

Foto: Fabian Strauch

Bottrop.   Bei Bauer Burkhard Sagel kann man mit Rindern schmusen. Tierfreunde übernehmen eine Patenschaft, so dass die Kälbchen nie zum Schlachthof müssen.

Noch schauen die beiden Kälbchen etwas unsicher, aber voller Neugier in die Welt. Kein Wunder, denn „Dirch Pinsel“ und „Klaus-Peter Blase“ sind vor gerade mal zwei Tagen geboren worden. Ihre Mutterkühe stehen ganz friedlich neben ihnen und lassen sich sanft striegeln. Der Mann mit der Bürste ist Dirk Diederich (52) aus Dorsten, von Beruf Hygienetechniker, aber hier ganz privat als Kuhkuschler auf dem Bauernhof Sagel in Kirchhellen. Er gehört zu den wenigen, die die Kälbchen auch schon näher an sich heranlassen. „Wenn man langsam rangeht und sie sehen, dass man mit den Muttertieren gut umgeht, werden sie zutraulich“, sagt Diederich.

Seit Januar gehören er und seine Frau Gaby (49) zu den Kuhkuschlern, die mindestens einmal pro Woche an einem festen Tag auf den Hof kommen und sich um die Tiere kümmern. Bis jetzt gibt es 14 Kuhkuschler, das heißt zwei pro Tag, aber es dürfen gern mehr werden. „Es geht auch darum, hier eine Gemeinschaft aufzubauen“, sagt Bauer Burkhard Sagel (50), der knapp 20 Kühe im Stall hält. Er engagiert sich im Netzwerk „Tierfreundliche Landwirtschaft“, sagt oft Sätze wie: „Wir wollen, dass es die Tiere wirklich nett haben“ – und meint das auch so.

Noch sind die junge Mutter Justine Grohmann (26) aus Kirchhellen und ihre Tochter Lia (7 Monate) auch „nur“ zum Kuhkuscheln hier. Aber ihr Engagement geht ein wenig weiter, denn Bauer Sagel bietet nun auch Kuh-Patenschaften an. Das heißt: Zehn Paten übernehmen die Verantwortung für ein Tier, von der Geburt an bis zum letzten Atemzug. Denn die Patenkühe kommen nicht zum Schlachthof, sondern sollen wirklich auf dem Bauernhof alt werden. Doch wie lange lebt eigentlich so eine Kuh? „Das kann 20 oder 25 Jahre sein“, sagt Bauer Sagel. Das heißt: Die kleine Lia wird das Leben ihrer Patenkuh beobachten und mitmachen, bis sie selbst eine erwachsene Frau ist. Ihre Mutter hat dabei durchaus auch einen Erziehungsgedanken im Hinterkopf: „Es ist so wichtig, dass die Kinder nicht nur vor der Playstation sitzen.“

Noch ist Grohmanns Patenkälbchen gar nicht geboren. Sie sollen ein Weibchen bekommen, das hat der Bauer so entschieden. Und „Dirch Pinsel“ und „Klaus-Peter Blase“ sind eben beide männlich, wie man am Namen erkennt. Aber wie kommt man auf solche Namen? „Ach, das entsteht, wenn zu viele Männer bei der Geburt mit Bier daneben stehen“, sagt der Bauer und lacht. Er selbst hat zwar nicht dabei getrunken, aber einige Paten und Freunde waren da. „Dirch Pinsel“ heißt eben so, weil man Dirk ja gern „Dirch“ spricht – und weil am Ende seines Schwanzes auf einmal weißes Fell sitzt – wie ein Pinsel eben. „Klaus-Peter“ hat den Beinamen „Blase“ erhalten, weil er nach der Geburt am ganzen Körper zitterte und jemand meinte, das Tier hätte bestimmt eine Blasenentzündung…

„Dirch Pinsel“ und „Klaus-Peter Blase“ sind männlich

Bei der Geburt waren übrigens einige Paten per Webcam dabei – das gehört für Sagel zum Service. Und mit einem Newsletter versorgt er seine Kunden auch, damit sie wissen, was gerade passiert, wenn sie nicht da sind.

Aber was finden Menschen eigentlich Besonderes am Kuhkuscheln? „Es bringt uns vor allem Ruhe und Entspannung“, sagt Sabine Klapproth (34) aus Bottrop. Sie ist hier mit ihrer Betreuerin Dorothee Larisch (49), denn Klapproth gehört zu den chronisch psychisch Erkrankten, die immer freitags zum Kuhkuscheln kommen. „Ich war am Anfang sprachlos. Sie entspannen total, sie werden ruhig – und klar vom Denken und Sprechen“, sagt Larisch. „Ich bin jetzt Unterstützerin der tiergestützten Therapie.“ Und Sabine Klapproth bestätigt: „Psychisch Erkrankten fällt es immer schwer, etwas zu machen, aber das fällt mir nicht schwer.“

Patenschaft für ein ganzes Leben

Kuhkuscheln können Tierfreunde für eine gewisse Zeit, einmalige Schnupper-Events bietet der Bauer für Gruppen an. Wer eine Kuh-Patenschaft eingeht, der verpflichtet sich. „Hier gilt: Ein Mann, ein Wort.“ Wobei das natürlich auch Frauen einschließt. Denn so eine Kuh-Patenschaft ist eben eine echte Patenschaft – ein ganzes (Kuh-)Leben lang.

>> MIT DEM TIER AUF AUGENHÖHE

Das Kuhkuscheln sollte man nicht einfach so beginnen. Auf dem Bauernhof Sagel gibt’s Veranstaltungen für Gruppen, bei denen man viel über die Kühe lernen kann und anschließend weiß, wie man mit ihnen umgeht. Denn eine Kuh kann schon allein durch ihr Gewicht für den Menschen gefährlich werden. Kosten: Erwachsene zahlen 20 Euro für zwei Stunden, Kinder 10 Euro. Anmeldung: tierfreundliche-landwirtschaft.de/kuh-kuscheln/

Wer regelmäßig Kuhkuscheln möchte, verpflichtet sich, einmal wöchentlich an einem festen Tag nach Vereinbarung vorbeizuschauen und zahlt 20 Euro pro Monat.

Kuh-Patenschaften sind eine Verpflichtung fürs ganze Leben des Tieres. Sie kosten 30 Euro pro Monat und beinhalten Webcam-Zugang zum Stall, Bilder, Videos und den Newsletter. Infos unter: fleisch@rindvombauer.de

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