Kolumne: Geschenkt

Plötzlich Veganer: Eltern zwischen Tofu und Trotzreaktion

 

 

Foto: Funkemedien

Das Leben ohne tierische Produkte soll die Erderwärmung bremsen. Gute Idee! Aber wer rettet das Familienklima? Neues vom Krisenherd in der Küche.

Wir überlegen, in eine Ferienwohnung zu ziehen, drei Kilometer vom Haus entfernt. Mein Mann und ich haben Angst vor unseren Kindern, besonders in der Küche. Beide sind jetzt Veganer.

Unser Sohn (21) lebt nur versehentlich vegan. Er hat mit seiner Schwester gewettet. Wer das bessere Abitur schafft. Marsha überholte ihn haarscharf und durfte ihm eine Aufgabe stellen: Vier Wochen ohne tierische Produkte. Ein Beitrag zum Weltklima, sagt sie. Ausgerechnet in der Grillsaison!, empörte sich mein Mann ohne Rücksicht auf das Familienklima. Man kann auch mal Tofu-Würstchen grillen, zündelte ich. Niemals!, jaulte Joey und rechnete vor, wieviel Energie allein die Plastikverpackung vergeude. Seine Schwester spulte routiniert ihr Wissen über Methan pupsende Rinder ab. Das würde ein schöner Monat... Mehr von Maike Maibaum lesen

...in dem ich mich bald fühlte wie die armen Schweine im Mast-Stall. Die Küchenwände kamen näher! Das lag an den ringsum wachsenden Lebensmittelstapeln. Veganer sind nett, aber verfressen. Wer die Massentierhaltung ablehnt, muss Pflanzen-Massen konsumieren. Unsere zarte Tochter erstaunt uns mit bombastischen Müslis und Obst-Rationen wie im Gorilla-Gehege. Lobenswert. Nur die Logistik überfordert mich. Um unseren Sohn zu sättigen, bräuchte ich Gefäße wie Omma beim Einkochen und Kellen aus der Werkskantine. „Der Junge sieht blass aus!“, sorgte sich mein Mann nach zwei Tagen.

Futterneid und kiloweise Fruchtwürfel

Das war die Hysterie des Grill-Gläubigen, doch auch mich rührte, wie Joey fast in den Kühlschrank kroch, insgeheim auf der Suche nach einer veganen Rinderhälfte. Ich gab ihm das Mango-Eis seiner Schwester. Ist immerhin so teuer wie Filet. Marsha fand den leeren 400 Gramm-Pott im Müll und fixierte ihren Bruder wie der Schredder das Küken. Die Geschwisterliebe war gerettet, als ich eine 5-Kilo-Melone in die Küche rollte und sich die beiden eine Spülschüssel voller Fruchtwürfel teilten. Gut, dass mein Mann Urlaub hatte, wir kauften nicht mit Körben ein, sondern auf Paletten.

Der Futterneid wuchs, die Kinder standen täglich früher auf, besorgt, dass der andere den Kühlschrank plündern würde. Veganer sind wie Wiederkäuer, sie malmen ganztägig. Unser Sohn sagte, er könne nicht mehr zur Uni, die Nahrungsaufnahme verschlinge zu viel Zeit. In Notwehr fand er zur Tofu-Schlachtung: „Bringst du Soja-Nuggets mit? Dreißig?“ Er erinnerte mich an all die Ex-Raucher, die an ihren E-Zigaretten saugen bis das Plastik glüht. Der Mülleimer läuft über, die Spülmaschine steht nie still, der Herd kocht nonstop. Ich fürchte, veganes Geschwister-Wettmästen schadet dem Erdklima. Noch 17 Tage...

Die Ferienwohnung im Duisburger Norden ist nicht schön, aber sie hat eine tolle Aussicht: auf eine tierisch unkomplizierte Dönerbude.

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