Aussehen

Pokerface oder offenes Buch: Was ein Gesicht uns verrät

Hochgezogene Augenbrauen oder heruntergezogene Mundwinkel: Das Gesicht zeigt, wie es in den Menschen aussieht. Aber der erste Eindruck kann ein Trugschluss sein.

Hochgezogene Augenbrauen oder heruntergezogene Mundwinkel: Das Gesicht zeigt, wie es in den Menschen aussieht. Aber der erste Eindruck kann ein Trugschluss sein.

Foto: getty

Essen.   Jeder Mensch kennt zahllose Gesichter. Über das Antlitz senden wir ständig Botschaften und werden uns auch unseres eigenen Ichs bewusst.

Wenn Vanessa Selbst am Pokertisch sitzt, fragen sich viele, ob sie überhaupt Gefühle hat. Über Stunden hinweg bleibt das Gesicht der New Yorkerin völlig ausdruckslos, egal, welche Karten sie gerade auf der Hand hat. Kein Zucken der Augenbraue, kein Kräuseln der Nase, kein kleinstes Lächeln um die Mundwinkel. Die studierte Juristin gilt als beste weibliche Pokerspielerin der Geschichte und hat mehrere Millionen Dollar an Preisgeldern gewonnen.

Das Pokerface ist eine hohe Kunst, denn es bedarf größter Beherrschung, seine Mimik völlig neutral zu halten. Über unser Gesicht kommunizieren wir normalerweise pausenlos, den ganzen Tag. Es macht unser Inneres sichtbar. Andere können darin lesen. Wenn wir lächeln oder staunen, uns ängstigen, erschrecken oder ekeln, sind mehr als 40 Muskeln aktiv, die bis an die Ohren und in den Nacken reichen. Am Gesicht erkennen wir, ob jemand jung ist oder alt, gesund oder krank, aggressiv oder freundlich. Im Pass steht das Gesicht für unsere Identität, denn keines gleicht völlig dem anderen. Selbst bei eineiigen Zwillingen nicht.

Durchschnittlich erkennt der Mensch 5000 Gesichter

Welche große Rolle Gesichter in unserem Leben spielen, haben gerade auch britische Psychologen der Universität York untersucht. Sie wollten herausfinden, wie viele Gesichter im Gehirn eines Menschen gespeichert sind. Dazu legten sie Frauen und Männern zwischen 18 und 61 Jahren Bilder verschiedener Personen vor – vom Kollegen oder Nachbarsjungen aus der direkten Umgebung bis zu Prominenten wie Lady Di. Die Versuchspersonen sollten sagen, welche Gesichter sie kennen. Aus den Ergebnissen konnten die Forscher eine Schätzung ableiten: Im Mittel sind jedem Menschen rund 5000 Gesichter vertraut. In Einzelfällen sind es sogar um die 10.000. Eine riesige Zahl.

Die Orientierung auf Gesichter scheint tatsächlich tief im Menschen angelegt zu sein. Schon Babys interessieren sich kurz nach der Geburt viel mehr für Gesichter als für Gegenstände. Sie fixieren und verfolgen sie mit ihrem Blick. Experimente zeigen, dass manche Neugeborene bereits am ersten Tag ihres Lebens versuchen, die Mimik ihrer Eltern nachzuahmen. Nach und nach lernen sie auf diese Weise das ganze menschliche Gefühlsspektrum kennen.

Die Mehrheit aller Tiere hat kein Ich-Bewusstsein

Ihr eigenes Gesicht erkennen Kinder jedoch erst später. Zunächst halten sie sich für eine andere Person, wenn sie sich im Spiegel sehen. Der Moment, wenn sie merken: „Huch, das bin ja ich!“ gilt als wichtiger Schritt in der Persönlichkeitsentwicklung und erfolgt zwischen dem zwölften und 18. Lebensmonat. Ob er schon eingetreten ist, lässt sich mit dem „Rouge“-Test herausfinden. Dafür malt man dem Kind einen roten Punkt auf die Nase. Schaut es in den Spiegel und fasst sich tatsächlich an die eigene Nase, ist das Ich-Bewusstsein bereits vorhanden. Auch Schimpansen und Orang-Utans bestehen dieses Experiment. Die Mehrheit aller Tiere allerdings nicht.

Wie wichtig Gesichter für das soziale Miteinander sind, zeigen auch Menschen, die unter der sogenannten Prosopagnosie leiden. Sie können sich keine Gesichter merken. Etwa ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung sollen in mehr oder weniger starker Ausprägung davon betroffen sein. Im Alltag kann es passieren, dass sie an jemandem, den sie eigentlich kennen, vorbeilaufen, ohne zu grüßen oder stehen zu bleiben, und deshalb für arrogant gehalten werden. Darunter ist nach eigener Aussage auch der Schauspieler Brad Pitt. In einem Interview erzählte er einmal, dass er ungern auf große Veranstaltungen gehe, denn regelmäßig würde er dort Menschen verärgern, wenn er sich nicht an ihre Gesichter erinnern könne. „So viele Leute hassen mich, weil sie denken, ich habe keinen Respekt vor ihnen“, sagte er der Zeitschrift „Esquire“.

Mathematik der Schönheit

Besonders interessiert haben sich Wissenschaftler auch immer wieder dafür, welche Gesichter wir besonders schön finden. Seit den 1990er Jahren haben viele Untersuchungen gezeigt, dass Menschen vor allem symmetrische Gesichter mögen. Ebenmäßige Züge kommen allgemein besser an als markante Einzelmerkmale. Ein Prinzip, das auch schon der Mathematiker Francis Galten erkannte.

Im 19. Jahrhundert wollte er das Gesicht eines typischen Verbrechers ermitteln. Er legte mehrere Fotos von Kriminellen übereinander und belichtete sie. Dabei fiel ihm auf, dass die gemittelten Durchschnittsgesichter immer besser aussahen als die Originale. Nichts anderes ergeben heute wissenschaftliche Untersuchungen mit Computertechnik: Schönheit ist durchschnittlich. Sie lässt sich mathematisch an einem bestimmten Abstand zwischen Mund, Nase und Augen im Verhältnis zur gesamten Gesichtslänge berechnen.

Das perfekte Gesicht

IT-Spezialisten am Londoner Zentrum für plastische Chirurgie haben sich diese Erkenntnisse einmal zunutze gemacht, um per Computer-Mapping nach dem perfekten Gesicht zu suchen. Sie fanden es bei der Schauspielerin Amber Heard, deren Antlitz allerdings auch nur zu 91,85 Prozent dem goldenen Schnitt entspricht. Könnte man sich das wissenschaftlich gesehen perfekte Gesicht basteln, sähe es den Computeranalysen zufolge so aus: Die Augen von Scarlett Johansson, die Augenbrauen von Kim Kardashian, Nase und Kinn von Amber Heard, die Lippen von Emily Ratajkowski und die Stirn von Kate Moss. Eine Studie der Universität Jena zeigte aber auch: Schöne Gesichter werden schneller vergessen. Etwas, das Brad Pitt bei Angelina Jolie damals wohl ausnahmsweise nicht passiert ist.

>>>> „Wir haben alle Kontrolle über unsere Mimik“

Der österreichische Körpersprache-Experte Stefan Verra (45) ist Gastdozent, Buchautor und Coach und geht zudem mit seiner Show „Körpersprache. Braucht kein Mensch? Und ob!“ auf Tour. Im Interview mit Kathrin Gemein erklärt er, welche Wirkung das Gesicht hat – und welcher evolutionäre Nutzen dahinter steckt.

Herr Verra, wie viel gibt man eigentlich grundsätzlich mit seinem Gesicht von sich preis?

Das ist nicht so simpel zu beantworten. Andere Menschen können nun mal nicht in uns hineinschauen, sondern nur mutmaßen. Was man aber sagen kann: Wir wirken immer mit unserer Körpersprache. Und werden oft falsch eingeschätzt von unserer Umgebung: Wir wollen Selbstbewusstsein ausstrahlen und werden für arrogant gehalten. Oder man will nah wirken – wirkt stattdessen einfach unsicher. Deswegen ist unser Gesicht so wichtig.

Das heißt, selbst als Körpersprache-Profi kann man nicht vom Gesicht auf den Menschen schließen?

Das kann ich nicht und auch kein anderer Mensch. Wenn Sie Angela Merkel anschauen und ihre vielzitierte Nasolabialfalte: Da würden viele darauf schließen, dass sie ein missmutiger Mensch sei, der lieber zu Hause auf der Couch sitzt, statt sich am Leben zu erfreuen. In der Realität ist sie eine der erfolgreichsten Frauen auf diesem Planeten und hat seit zehn Jahren Millionen Menschen euphorisch hinter sich versammelt. Das zeigt einfach: Wir versuchen andere zu psychologisieren, und das anhand ihrer Mimik – und liegen damit dramatisch oft falsch. Auf der anderen Seite darf sich Angela Merkel aber auch nicht darüber wundern, dass sie als uneuphorisch eingeschätzt wird, weil sie eben diese Wirkung hat.

Aber kann man denn seine Wirkung kontrollieren?

Bei Kindern machen wir das automatisch! Sagen wir, man hatte eine Mieterhöhung und einen Wasserschaden, zwei wahnsinnig schlechte Nachrichten auf einmal – und dann kommt das Kind freudestrahlend aus dem Kindergarten nach Hause. Jede Mutter, jeder Vater wird automatisch seine Gesichtsmimik so einstellen, dass sich das Kind wohlfühlt in seiner Emotion. Ich denke, wir haben diese Kontrolle über die Mimik alle in uns, wir müssen uns das nur bewusst machen.

Manche Menschen wirken ja im neutralen Zustand, als seien sie schlecht gelaunt – dazu gibt es den uncharmanten Begriff „Resting Bitch Face“. Wie authentisch wirkt man denn, wenn man versucht, dagegen anzulächeln?

Das ist eine gute Frage, weil einem in einem solchen Fall ja immer gesagt wird: Lächle doch mal! Bei Menschen, die dieses „Resting Bitch Face“ haben, wird die muskuläre Aktivität nicht trainiert. Und deswegen wirkt dieser Mensch, wenn er lächelt, viel unglaubwürdiger. Deswegen sollte man diese Muskeln durch viel Lächeln trainieren, auch Zuhause. Dann heben sich mit der Zeit die Mundwinkel.

Dennoch gibt es ja Dinge, die man aus Gesichtern herauslesen kann.

Es gibt Signale, die versendet und gelesen werden. Das ist der Grund, warum die Evolution uns im Gesicht völlig haarfrei gemacht hat, außer dem Bart beim Mann, und nur die Augenbrauen hat stehen lassen. Denn man kann aus großer Entfernung an den Augenbrauen sehen, ob jemand grimmig, harmlos oder unterlegen daherkommt. Das war evolutionär von Bedeutung. Und ist es auch heute noch.

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