Schiffbrüchige

Seenot-Retter aus Bottrop: Seine Welt sind die Wellen

Mit dem Seenotrettungskreuzer der „Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ sucht Dirk Hennesen Menschen in Not. SAR steht für Search and Rescue (Suche und Rettung) – ein internationales Kennzeichen für Hilfe in Luft- und Seenotfällen.

Mit dem Seenotrettungskreuzer der „Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ sucht Dirk Hennesen Menschen in Not. SAR steht für Search and Rescue (Suche und Rettung) – ein internationales Kennzeichen für Hilfe in Luft- und Seenotfällen.

Foto: DGzRS / Thomas Steuer

Bottrop/Hooksiel.   Der Bottroper Dirk Hennesen ist Kapitän auf einem Seenotrettungskreuzer. Er sucht Schiffbrüchige in der Nordsee – etwas Angst fährt immer mit.

Die Wellen lassen das Schiff schaukeln wie eine Nussschale. Doch für ein mulmiges Gefühl ist keine Zeit. Dirk Hennesen muss Leben retten. Redakteurin Maren Schürmann sprach mit dem 49-Jährigen aus Willich, der heute in Bottrop lebt. Er ist erster Vormann auf dem Seenotrettungskreuzer „Bernhard Gruben“, der von Hooksiel aus für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) auf die Nordsee fährt, um Schiffe abzuschleppen oder Menschen aus dem Wasser zu fischen.

Die Menschen fahren ja in den Ferien so gerne an die See – beruhigt Sie das Meer eigentlich auch noch?

Dirk Hennesen: Das Meer tut alles, aber bestimmt nicht beruhigen. Ich fahre ans Meer, um dort zu arbeiten. Es ist schön, aber nicht beruhigend.

Sie kennen die ganzen Tücken...

Ja eben. Ich weiß, wie fies das Meer werden kann. Es ist etwas anderes, wenn man bei schönem Wetter an die See fährt. Aber das Meer kann auch ganz anders aussehen. Wenn ich da rausfahren muss, ist das alles andere als beruhigend. Im Gegenteil, dann ist das sehr anspannend.

Und Sie müssen wahrscheinlich bei jeder Windstärke raus?

Rausgefahren wird immer. Egal wie hoch die Wellen sind.

Werden Sie noch seekrank?

(lacht) Ja, klar.

Sind Sie nicht davor gefeit?

Nein, das kann man aber, glaube ich, auch nicht. Das hängt von vielen Faktoren ab, von der Tagesform, wie man selber drauf ist, ob man gut geschlafen hat. Mal ist man aber auch viel zu angespannt, abgelenkt von der Arbeit, um überhaupt einen Gedanken daran zu verschwenden. Ein anderes Mal haut es einen aus den Pantinen.

Was machen Sie dagegen?

Ich nehme eine Tablette oder eines dieser Kaugummis. Wobei ich die Kaugummis nicht so toll finde. Die machen ein taubes Gefühl.

Zwei Wochen am Stück sind Sie ja Kapitän auf Ihrem Schiff. Wann müssen Sie den Hafen verlassen? Welche Rettungsfälle gibt es?

Vom Wattwanderer über den abgetriebenen Luftmatratzenfahrer, Surfer und Kite-Surfer, Segelbootfahrer, Fischer... Was haben wir noch? Seebäderschiff, Berufsschifffahrt. Vom Krankentransport über Freischleppen, Motorschaden, Suche nach Vermissten und so weiter.

Der bekannteste Schiffbrüchige wird nächste Woche 300 Jahre alt – Robinson Crusoe. Würde er heute Schiffbruch erleiden, hätten Sie ihn retten können?

Er wurde ja gerettet, er hat seinen Freitag gefunden und konnte dann mit einem Schiff wegfahren.

Das hat aber viele Jahre gedauert.

Wahrscheinlich würde man ihn heute ein bisschen schneller retten (lacht).

Damals hatte man ja auch noch keinen Funk. Obwohl, ein Wattwanderer heute, der von der Flut überrascht wird, wie macht sich so jemand bemerkbar?

http://„In_letzter_Sekunde“_–_Vater_und_Söhne_aus_Nordsee_gerettet{esc#214844323}[news]Wenn er Glück hat, wird er gesehen. Oder sein Handy funktioniert, dann kann er sich darüber bemerkbar machen. Aber das ist ein Problem, dass die Leute sich auf dem Wasser allzu oft aufs Handy verlassen. 100 Prozent Abdeckung an Land heißt nicht 100 Prozent Abdeckung auf dem Wasser.

Was kann man in der Not sonst tun?

Versuchen, auf sich aufmerksam zu machen, wie auch immer, schreien, versuchen, eine höhere Stelle im Watt zu erreichen, wo das Wasser etwas später hinkommt. Aber es kann schon mal daneben gehen.

Wenn es kein gutes Ende gibt: Wie gehen Sie damit um?

Solange man den Toten nicht sieht, ist es ja abstrakt. Aber wenn man einen Einsatz hat, bei dem man die Verunglückten sieht, ist das eine ganz andere Geschichte. Vor allem, wenn Kinder dabei sind. Ich habe selbst zwei Mädchen. So etwas lässt mich nicht kalt.

Sie müssen ja selbst bei Sturm auf die See. Spüren Sie noch Angst?

Ja, sicher. Wenn ich vor Wasserbergen keine Angst haben darf, dann weiß ich es nicht. Ich wäre dann auch falsch am Platz, wenn mir der Respekt davor fehlen würde.

Ist das auch ein Problem, dass die Menschen die Situation nicht richtig einschätzen und sich so in Gefahr bringen?

Es gibt Idioten, die meinen, sie können es. Aber manchmal haben die Leute auch einfach schlicht Pech. Der Motor ist kaputt. Oder plötzlich hat man sich festgefahren. Das kann mal passieren, das ist ja auch nicht schlimm, wenn man weiß, was man zu tun hat. Viele geraten dann aber in Panik und fangen an, mit dem Leben abzuschließen.

Wie suchen Sie?

http://Warum_die_Krupp-Stiftung_einen_Rettungskreuzer_finanziert{esc#212864389}[news]Kommt immer darauf an, was es ist. Ein Schiff hat die und die Position, dann kann man da hinfahren. Wenn man nach Leuten sucht, gibt es Suchverfahren. Wann ist das Unglück passiert? Wie viel Tageslicht habe ich noch? Auch welche Jahreszeit habe ich? Im Sommer habe ich logischerweise immer mehr Zeit als im Winter. Im Winter ist die Brühe vier Grad, zwei Grad – arschkalt. Selbst mit entsprechender Kleidung sinkt da die Überlebenschance.

Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Vor zwei Jahren haben wir ein Hausboot vorm Absaufen gerettet.

Ein Hausboot auf der Nordsee?

Da haben wir uns auch gewundert – ein skurriler Anblick. Das war wirklich Spitz auf Knopf. Wenn wir etwas später gekommen wären, hätten wir nur noch die Leute aus dem Wasser fischen können. Es hat einige Zeit gedauert, bis wir das Boot im Hafen hatten. Aber es gab ein gutes Ende.

Sie fahren nun ein paar Tage in den Urlaub. Geht es in die Berge?

Nee, nach Holland.

Sie haben das Meer noch nicht satt? Sie können es sich noch anschauen?

Ja, am Strand geht das.

>>> Berühmter Schiffbrüchiger: Robinson wird 300 Jahre alt

Die Geschichte um diesen in Seenot geratenen Mann zählt zu den bekanntesten überhaupt: Robinson Crusoe. Der englische Schriftsteller Daniel Defoe wurde mit diesem Buch weltberühmt. Am 25. April vor 300 Jahren wurde der Roman erstmals veröffentlicht.

Die Handlung: Robinson Crusoe erleidet in einem Sturm in der Karibik Schiffbruch und gelangt als einziger Überlebender auf eine einsame Insel. Er fürchtet sich vor Kannibalen, rettet aber einen Mann genau vor diesen Menschenfressern – an einem „Freitag“. Fortan nennt er diesen späteren Freund und Diener nach diesem Wochentag. Erst nach 35 Jahren kann Robinson Crusoe 1687 mit einem englischen Schiff in seine Heimat zurückkehren.

Die Geschichte wurde mehrfach verfilmt. Anfangs in der

Stummfilmzeit, später für Fernsehserien.

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