Computerspiele

Serious Games: Wenn zum Spiel ein bisschen Ernst kommt

Lernspiel im Breitbildformat: Lars Schnatmann vor dem interaktiven Multiplayer-Ressoucenmanagement im Forum des Deutschen Bergbaumuseums in Bochum.

Lernspiel im Breitbildformat: Lars Schnatmann vor dem interaktiven Multiplayer-Ressoucenmanagement im Forum des Deutschen Bergbaumuseums in Bochum.

Foto: Kai Kitschenberg

Bochum/Mülheim.   Die Entwickler von „Serious Games“ vermitteln ihre Inhalte mit Spielspaß, nicht nur auf der Messe Gamescom. Sieht so die Zukunft des Lernens aus?

Die Zeiten, in denen man dachte, dass man beim Computerspielen nichts lernen kann, sollten ja lange schon vorbei sein. Während sich Schüler heute mithilfe von Youtube-Videos aufs Abitur vorbereiten und Fahrschüler seit zig Jahren die Fragen aus dem Katalog mit einer Lernsoftware pauken, hat sich eine ganze Branche um die „Serious Games“ entwickelt. Spielend lernen und lernend spielen: Das ist ein Prinzip, das unter anderem im Deutschen Bergbau-Museum in Bochum erfahrbar wird – auf einer 25 Meter breiten Spielfläche zum Ressourcenmanagement.

Man steht vor der Leinwand und fühlt sich zugleich überwältigt und in den Bann gezogen: Das gesamte Sichtfeld wird ausgefüllt von einer gewaltigen Landkarte, auf der man von einem der fünf Terminals aus agieren kann. Worum es geht? Der Spieler muss über 30 Jahre Rohstoffe fördern, um sich alle drei Jahre ein neues Smartphone bauen zu können. Dazu braucht er „Kunststoffe“, Metalle, „Steine & Erden“ sowie „seltene Metalle“. Vor einem erstreckt sich über die Leinwand ein gewaltiges Spielfeld mit achteckigen Feldern, unter denen eben jene Rohstoffe liegen können.

Bewusstsein dafür, was alles in einem Handy steckt

Nun gilt es, Rohstoffe zu entdecken, zu fördern und zu sammeln, um am Ende ein Handy produzieren zu können. Aber Halt: Der springende Punkt ist, dass man nicht einfach unseren Heimatplaneten ausbeuten kann, sondern dass man auch die Umwelt im Auge haben sollte. Was heißt: Wenn ein Handy hergestellt ist, entstehen wiederverwertbare Rohstoffe, die man recyceln kann – eine echte Tipparbeit auf den Touchscreens der Terminals. Im Idealfall gelingt es, sowohl selbst genügend Spaß mit dem Handy zu haben, als auch den Planeten sauber zu halten.

„Warum ausgerechnet das Handy? Weil es gerade für Kinder und Jugendliche heute enorm wichtig ist“, sagt Lars Maria Schnatmann, Geschäftsführer der Kölner Entwicklerfirma Takomat. „Der interessante Punkt ist: Normalerweise kriegt man einfach ein Handy in die Hand und benutzt es. Aber hier wird das Bewusstsein geschärft, was alles in einem Handy steckt. Es stellen sich solche Fragen wie: Was brauche ich dafür? In welchem Umfang brauche ich das? Wie kann ich den Ressourcenverbrauch reduzieren? Um dann auch zu verantworten, was ich damit bewirke.“

Die Lösung der Aufgaben wird bewertet

Es ist durchaus ein Lehrauftrag, den Takomat fürs Bergbaumuseum umsetzt. Nebeneffekt: „Wenn man nach Hause kommt, fasst man ja früher oder später das Handy immer wieder an. Und dadurch erinnert man sich auch immer wieder an unser Spiel“, so Schnatmann. „Im Kern von ,Serious Games’ steht, dass jeder Mensch Aufgaben hat, die er in seinem tagtäglichen Leben lösen muss. Hier geschieht das so, dass die Lösung dieser Aufgaben immer auch bewertet wird.“

Die Idee selbst, meint er, sei eigentlich schon sehr alt: „Die Kriegsherren haben damals doch schon immer ihre Armeen über die großen Landkarten geschoben. Das ist im übertragenen Sinne ja auch ein ,Serious Game’.“ Und Lerneffekte durch Computerspiele sind seit langem bekannt. Wenn Piloten sich per Flugsimulator aufs Abheben vorbereiten, zweifelt niemand an der Wirksamkeit des Trainings.

Jobsuche als Spiel? Vielleicht sieht so die Zukunft aus!

Schnatmanns nächstes Projekt: Ein Talente Check der Bundesagentur für Arbeit und der IHK. „Da werden die Talente per Spiel herausgesucht. Uns ist auch immer ganz wichtig, dass die Spieler sich hier wiedererkennen. So wird schon im Vorfeld austariert, was können die Spieler und was können sie eher nicht.“ Jobsuche als Spiel? Vielleicht sieht so ja die Zukunft aus!

Ortswechsel nach Mülheim. Hier sitzt die Firma Crenetic, die ebenfalls seit vielen Jahren neben der Entwicklung von kommerziellen Unterhaltungsspielen wie dem Zombie-Taktikspiel „Trapped Dead“ (Deutscher Entwicklerpreis 2010) ihre „Serious Games“ programmiert. Eines davon heißt „Super Nurse“ und bietet ganz praktischen Nutzen für Pflegekräfte. „Sie müssen sich auch außerhalb ihrer Arbeitszeit immer wieder am neuesten Stand der Technik und der Wissenschaft orientieren, sie müssen unheimlich viel lernen. Es gibt sogenannte Qualitätsstandards, die man draufhaben muss, zum Beispiel in Altenheimen. Da stehen dann etwa beim Chef die Ordner, die müssten die Pfleger mitnehmen, um sich zu Hause fachlich fit zu halten, vielleicht zum Thema Sturzprophylaxe“, sagt Carsten Widera-Trombach, Chef von Crenetic. Stattdessen kann man sich einfach „Super Nurse“ aufs Handy laden und spielerisch lernen, die Daten mit den Inhalten werden von Pflegefachleuten immer wieder auf aktuellem Stand gehalten. „Das ist so ein bisschen wie beim Quizduell. Man kann immer schauen: Wie war ich? Wie war ich im Vergleich zu anderen Pflegekräften? Und wo habe ich vielleicht sogar noch Schulungsbedarf? Und das kann man recht unkompliziert zwischendurch etwa in der Bahn auf dem Handy machen, da mache ich mal eben 20 Fragen. Und ich sehe sofort: Das war falsch! Und ich kann die Übung wiederholen.“ So lernt man quasi nebenbei.

Mülheimer Feuerwache im Simulator

Eine Umfrage des Branchenverbandes der Spielehersteller, game, ergab, dass „immer häufiger auf ,Serious Games’ in der Fortbildung der Mitarbeiter“ gesetzt wird, so Felix Falk, Vorsitzender von game. Die Spiele könnten durch ihre Interaktivität helfen, „auch komplexe Lernstoffe zu vermitteln und die Lernmotivation zu steigern“.

Zurück nach Mülheim: Das andere wichtige „Serious Game“ von Crenetic heißt „Notruf 112 – Die Feuerwehr Simulation“. Es dient dazu, anhand der virtuell nachgebauten Mülheimer Feuerwache und ihrer Fahrzeuge zu lernen, welche Geräte wo angebracht sind, wie sie funktionieren und was in welchem Fall getan werden muss. Zielgruppe: Feuerwehrleute und alle, die von der Feuerwehr begeistert sind. „Es gibt auch viele Kinderfeuerwehren, die im Winter relativ wenig mit den Kindern unternehmen können. Die machen damit Gerätekunde“, so Carsten Widera-Trombach.

Drohnenpiloten mit Xbox-Controllern in der Hand

Er meint: „,Serious Games’ sind oft eher Zufallsprodukte, bei denen Spieletechnologie für eine bestimmte Aufgabe genutzt werden kann“, sagt der Programmierer. Wenn eine Firma einen bestimmten Inhalt leicht vermitteln muss, wendet sie sich gern an Spielentwickler. Wichtig dabei ist oft das so genannte Interface-Design: Ein klassisches Beispiel dafür stammt vom Militär. „Da sind viele Jahre lang Drohnen geflogen worden mit hochkomplexen Armaturen. Mit 1000 Knöpfen und umständlichen Bedienelemente. Wie viele Drohnen sind damit vor die Felswand geflogen? Das kann man sich gar nicht vorstellen. Wenn man aber denselben Drohnenpiloten einen Xbox-Controller in die Hand drückt, fliegen sie mit einer unheimlichen Sicherheit, weil sie es einfach von klein auf gewohnt sind, solch ein Interface zu bedienen.“ Und so haben sie quasi hochkomplexe Abläufe gelernt, ohne dass sie es überhaupt beabsichtigt haben.

  • Die Gamescom läuft vom 21.-24. August in der Kölner Messe, es gibt nur noch Abendtickets (16-20 Uhr)
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