Kindergeburtstag

Topfschlagen war gestern – Wettrüsten beim Kindergeburtstag

Mittlerweile findet ein regelrechtes Wettrüsten unter den Eltern statt – mit Partyplanern für die Kleinsten.

Mittlerweile findet ein regelrechtes Wettrüsten unter den Eltern statt – mit Partyplanern für die Kleinsten.

Foto: dpa

Beckum.   Wirtschaftsfaktor Kindergeburtstag: Mittlerweile findet ein regelrechtes Wettrüsten unter den Eltern statt – mit Partyplanern für die Kleinsten

Es ist eine skurrile Kulisse, die sich dem Betrachter bietet. Da liegt der Tuttenbrocksee, der mit seinem hellblau-grünen Wasser verführerisch erfrischend aussieht. Wie eine beinahe schon drängende Einladung, vor allem an einem heißen Sommertag. Allein am und im Gewässer ließe sich so vieles so einfach organisieren, was Kinder am schönsten Tag ihres Jahres glücklich machen würde. Ein Bootsausflug, ein Nachmittag auf dem Aqua-Spielplatz oder einfach eine Abkühlung im See. Daneben aber steht, einer Trutzburg ähnelnd, ein dunkelgrauer Quader. In ihm stecken hunderte Ideen, auf die niemand selber kommen muss. Auch wenn es von außen nicht so aussieht: Die Antwort auf das, was Kindern Spaß macht, findet sich im Inneren des überdimensionalen Containers.

Trend aus den Vereinigten Staaten

Der riesige Indoor-Spielplatz im westfälischen Beckum lädt – natürlich – auch mit Angeboten für Geburtstage. Wie könnte es auch anders sein? Inzwischen hat sich schließlich ein Trend etabliert, der aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland geschwappt ist. Beim Kindergeburtstag tut es längst nicht mehr die Gartenparty mit Topfschlagen und Stop-Tanz. Das Wiegenfest wird vermehrt zum kostspieligen Event. Ein Trend, der sich etabliert hat, und von dem Unternehmen profitieren. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielseitig, manche davon aber auch bedenklich. Dazu gehören Leistungsdruck, Wettbewerb mit Eltern anderer Kinder, ein schlechtes Gewissen gegenüber dem eigenen Nachwuchs. Und schließlich auch: Bequemlichkeit.

Damit Eltern den „Riesenstress“ überstehen

Das Internetportal Ruhrpottkids etwa wirbt ganz unverblümt – und in der Wortwahl auch martialisch – dafür, sich den Stress der Organisation einer Feier einfach abnehmen zu lassen: „Können Eltern den schönsten Tag des Jahres ihrer Sprösslinge ohne den üblichen Riesenstress überstehen?“, lautet die Eingangsfrage, die auch gleich beantwortet wird: „Na klar, denn wir haben die ultimativen Überlebenstipps für Eltern und Helferlein zusammengestellt.“

Der Begriff „Riesenstress“ im gleichen Atemzug, in dem über den „schönsten Tag des Jahres“ gesprochen wird – wohin führt diese Entwicklung, in der das Buchen eines Indoorspielplatzes mit Kartbahn, Trampolinanlage und einem riesigen Rutschen-Angebot schon eine Selbstverständlichkeit darstellt? Nach oben sind ohnehin keine Grenzen gesetzt. „Solche Sachen treiben die Erwartungen natürlich sehr hoch – sowohl bei Kindern als auch bei den Erwachsenen“, sagt Ulric Ritzer-Sachs von der Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung gegenüber der Deutschen Presseagentur.

Manche Eltern sind komplett überfordert

Wer sich mit hohen Erwartungen konfrontiert sieht, spürt oft Druck. „Ich habe das Gefühl, dass manche Eltern damit überfordert sind, die hohe Erwartungshaltung zu erfüllen“, sagt Svetlana Schenk im Gespräch mit dieser Zeitung. Sie ist Inhaberin der Firma Funtree in Essen-Rüttenscheid, einer Agentur, die sich auf die Organisation und Ausrichtung von Kindergeburtstagen spezialisiert hat. Zwei Monate, so die Unternehmerin, die Erfahrungen als Theaterschauspielerin und Balletttänzerin gesammelt hat, benötigt sie nach eigenen Angaben vom ersten Kontakt bis zur Party. Was passiert in der Zeit nach der Ansprache?

„Geburtstagsmacherin“ bietet Rundum-Paket

Das sei höchst unterschiedlich, sagt Schenk. Das eine Kind stehe auf Zeichentrick-Helden aus dem Fernsehen und freue sich bereits über den Besuch der überdimensionalen Hauptfigur einer Serie oder eines Films aus Stoff, für andere Partys hingegen müsse sie die zum Teil sehr hohen Erwartungen der Eltern erfüllen. „Bei manchen Veranstaltungen sind die Erwartungen so speziell und hoch, dass ich vorschlage, die Ausrichtung besser selbst zu übernehmen.“ Doch dass sie ihren Service als „Geburtstagsmacherin“ anbietet, habe für ihre Kunden nicht nur mit Blick auf Stress und Leistungsdruck eine entlastende Wirkung: „Wer möchte schon Kostüme nach einer Party im Haus lagern? Das nimmt nur Platz weg. Mit einer Agentur hat man dieses Problem nicht.“

Während Schenk das Rundum-Paket bietet, hat sich ein Mannheimer Unternehmen dazu entschieden, dem Trend entgegenzuwirken. Auf der Plattform „Balloonas“ geht es um Inspiration: „Wir möchten Eltern die Planung des Kindergeburtstages erleichtern“, sagt Marketing-Leiterin Lisa Seiller unserer Sonntagszeitung. Dabei gehe es jedoch nicht um die vollständige Übernahme der Arbeit: „Die Kunden, die bei uns kaufen, legen Wert darauf, mindestens einen Teil des Kindergeburtstages selbst zu machen: Sei es die Einladung, das Entertainment oder das Gastgeschenk. Sie freuen sich, wenn sie dabei unterstützt werden.“ Dass es dabei einer Hilfestellung bedarf, sei einfach zu erklären: „Mit Sicherheit spielt Wettbewerb zwischen Eltern, die Geburtstage ausrichten, eine Rolle.“

Die anderen Eltern toppen

Eine Entwicklung, die Pädagogen schon seit einiger Zeit Sorgen bereitet. Prof. Birgit Leyendecker von der Ruhr-Universität Bochum zum Beispiel warnte bereits vor einiger Zeit im Gespräch mit dieser Zeitung: „Wenn man sich als Elternteil auf den Wettbewerb einlässt, hat man schon verloren. Da kommt man in eine Spirale hinein und versucht immer weiter, die anderen zu toppen.“

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