UMWELT

Gülle: Uns stinkt’s gewaltig! Wohin mit dem ganzen Mist?

Wo zuviel Gülle verteilt wird, wird das Grundwasser mit Nitrat verseucht.

Wo zuviel Gülle verteilt wird, wird das Grundwasser mit Nitrat verseucht.

Foto: dpa

Essen/Euskirchen.   Weil am Niederrhein das Grundwasser stark belastet ist, karren Lastzüge die Gülle unter anderem ins Sauerland.

Früher sprach man gerne von „guter Landluft“, wenn es in ländlichen Regionen nach Mist roch. Heute sorgt die Düngung der Felder mit Gülle nicht nur bei Anwohnern von landwirtschaftlichen Flächen für Ärger. „Uns stinkt’s gewaltig“, bekommen Landwirte immer häufiger zu hören.

Die Bundesregierung hat reagiert und sich im Juni auf eine gemeinsame Linie geeinigt, um die Nitratbelastung des Grundwassers zu senken. Die Düngeregeln in besonders stark belasteten Regionen werden verschärft. Auch das NRW-Umweltministerium hat das Problem erkannt: „Unabdingbare Voraussetzung ist, dass es durch die Anwendung von Wirtschaftsdüngern nicht zu Umweltproblemen oder vermeidbaren Beeinträchtigungen für Mensch und Natur kommt. Dabei ist es unerheblich, ob die Gülle aus heimischen Ställen oder aus Nachbarländern stammt.“

Widerstand gegen den Gülle-Tourismus

In NRW besteht eine erhöhte Nitratbelastung des Grundwassers vor allem in den nördlichen und westlichen Landesteilen: Schwerpunkte sind zum Beispiel das Münsterland und das Rheinland, dort insbesondere der Niederrhein im Grenzgebiet zu den Niederlanden.

Das führt zu Gülle-Tourismus in NRW: Weil in den oben genannten Regionen die Nitrat-Grenzwerte in Wasser und Boden überschritten werden, versuchen Landwirte die dafür verantwortliche Gülle loszuwerden. Mit Tanklastzügen transportieren sie das Düngemittel unter anderem ins Sauerland, wo die Grenzwerte noch nicht erreicht wurden.

Auch in die Eifel wird tonnenweise Gülle gekarrt. Dort regt sich Widerstand: Den Mist der anderen müssten sie hier ausbaden, sagt Ulrich Hermanns. Er klingt wütend. Seine Heimat im Osten der Eifel werde zur „Entsorgungsstelle“ für die Abfälle der Tierhaltung in Niedersachsen und den Niederlanden. Hermanns ist Vorsitzender einer Bürgerinitiative, die seit sechs Jahren gegen die zunehmende Menge an Gülle in der Eifel kämpft. „Wenn das so weitergeht, haben wir bald die gleichen Probleme, das gleiche belastete Grundwasser wie die“, sagt er.

Nach Angaben der zuständigen Landwirtschaftskammer ist 2018 fast 14-mal so viel Gülle aus den Niederlanden in die Eifel-Region transportiert worden wie 2017 – 67.000 Tonnen allein nach Euskirchen. Die Grundwasser-Messstelle zeigt bereits erhöhte Nitratwerte. Nitrat gelangt durch Gülle und anderen Dünger in den Boden. Und von dort über den Wasserkreislauf in Flüsse und Seen. Dort kann das Nitrat das Algenwachstum ankurbeln und für lebensfeindliche Bedingungen sorgen.

Landwirte müssen Zwischenlager anmieten

Die Gewässer in Deutschland sind an einigen Stellen so stark mit Nitrat belastet, dass die Landwirte in besonders gefährdeten Gebieten die zulässigen Düngemengen, auch die Gülle auf den Feldern, um 20 Prozent reduzieren müssen. Sollte sich der Zustand der Gewässer nicht absehbar verbessern, droht die EU-Kommission Deutschland mit Strafzahlungen von bis zu 850.000 Euro pro Tag. Was den belasteten Gewässern helfen soll, könnte jedoch den Gülle-Tourismus weiter ankurbeln.

Wohin also mit der braunen Masse? Das wüssten sie schon jetzt nicht mehr, sagt Bernd Stania, Geschäftsführer einer Gülle-Börse in Vechta. Stanias Geschäft besteht darin, Bauern mit zu viel Mist mit denen zusammenzubringen, die zu wenig haben. Vechta ist der Landkreis im westlichen Niedersachsen mit der deutschlandweit höchsten Dichte an Nutztieren. Hier, etwa 340 Kilometer von der Eifel entfernt, ist das Grundwasser besonders stark belastet. Hier entstehen die Entwicklungen, die sie auch andernorts fürchten.

Bis ins Sauerland

„Die Bauern müssen immer größere Strecken und Kosten in Kauf nehmen, um ihre Gülle loszuwerden“, sagt Bernd Stania. Bis ins Sauerland, nach Brandenburg und Sachsen-Anhalt würden sie inzwischen fahren. Auch die 800 Kilometer entfernte polnische Grenze sei immer wieder in der Diskussion, zeitweise müssten Zwischenlager für die Gülle angemietet werden. Wahnsinn sei das, meint Stania – ökologisch und wirtschaftlich.

Gülle besteht zu 97 Prozent aus Wasser, bis zu 20.000 Euro kostet einen Landwirt der Abtransport pro Jahr. „Im vergangenen Sommer war’s besonders schlimm“, sagt Stania. Durch die Hitze sei weniger gedüngt, die Landwirte durch eine Verordnung von 2017 zusätzlich verunsichert worden. Damals hatte die Politik schon einmal den Versuch unternommen, das Nitrat durch strengere Gülle-Regeln zu senken – mit mäßigem Erfolg fürs Grundwasser. „Jetzt werden einige Betriebe an ihre Grenzen kommen“, glaubt Stania.

Dabei kann Gülle ein wertvoller Dünger sein, der viele Nährstoffe für die Pflanzen auf dem Feld und den Humusgehalt der Böden enthält. Was aus den Tieren hinten rauskommt – darunter Stickstoff, Phosphor, Kalium – soll wieder auf dem Acker landen, um den Kreislauf Pflanze-Tier-Boden zu schließen. So die Theorie.

Politik muss Menge pro Fläche vorschreiben

Die Praxis sieht aber oft anders aus. „Die Verteilung ist das Problem“, sagt Torsten Müller, Professor für Agrarwissenschaften an der Universität Hohenheim. 28 Millionen Schweine, über 12 Millionen Rinder und 41 Millionen Legehennen leben in Deutschland, die zusammen mehr als 200 Millionen Tonnen Gülle produzieren. Die sind nicht gleichmäßig über das Land verteilt, sondern finden sich geballt im westlichen Niedersachsen und in Westfalen. Dort wurden die Tierställe über die Jahrzehnte immer größer. Die Ackerflächen wuchsen jedoch nicht mit. Das Futter für die Tiere stammt zum Großteil aus Nord- und Südamerika.

Eigentlich, sagt Müller, gäbe es in Deutschland sogar genügend Bedarf an Gülle. In den Börderegionen Sachsen-Anhalts oder rund um Braunschweig etwa betrieben die Bauern vor allem Ackerbau, hielten aber kaum noch Tiere. Richtig eingesetzt, sei sie im Vergleich zu dem mit viel Energie hergestellten Kunstdünger ein „Gewinn“. Gülle habe jedoch einen schlechten Ruf. Bei den Anwohnern, weil „sie eben stinkt“. Und bei den Landwirten, weil sie schwieriger zu dosieren ist.

Das Maximale rausholen

Das Problem liegt aus Müllers Sicht darin: Bisher sei nur geregelt, wie viel ein Betrieb an Gülle insgesamt auf all seinen Feldern einsetzen darf, berechnet anhand der Gesamtfläche. Nicht geregelt sei jedoch, dass die Gülle gleichmäßig verteilt werden muss. Müller rechnet vor: Ein hundert Hektar großer Betrieb darf 17.000 Kilogramm Gesamtstickstoff im Jahr einsetzen, wie es im Fachjargon heißt – „egal wo“. Da werde die Gülle oft geballt an den Orten abgeladen, „die besonders schnell zu erreichen sind oder wo besonders düngeintensive Kulturen wie Mais wachsen“, sagt der Agrarexperte. Die Landwirtschaft verhalte sich da wie jede andere Branche auch. Sie versuche das Maximale im Rahmen des rechtlich Möglichen rauszuholen. „Hier muss die Politik endlich die erlaubte Menge runterschrauben und die vor allem exakt an den Hektar knüpfen.“

Zahl der Rinder und Schweine senken

Alles also nur eine Frage der Logistik? Muss man womöglich die Zahl an Rindern und Schweinen gar nicht senken, wie von Umweltverbänden gefordert, um Gewässer und die Umwelt zu schützen? „Nein“, entgegnet der Agrarexperte. Wolle man das Wasser und das Klima schützen, müsse eine Reduzierung sein.

Die Landwirtschaft produziert nach Angaben des Umweltbundesamtes 7,3 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland – fast 70 Prozent davon in der Tierhaltung und mit der Herstellung des notwendigen Futters. Die Umweltschutzorganisation BUND fordert daher eine Obergrenze: In Zukunft dürften nur so viele Tiere auf einer Fläche gehalten werden, wie davon satt werden, also etwa zwei Kühe pro Hektar. Das könne das Gülle-Problem begrenzen und dazu führen, dass das Futter nicht etwa auf Flächen in Brasilien wachse, wo es den Regenwald bedrohe. Agrarexperte Müller fügt hinzu: „Dafür müssten sich auch unsere Ess- und Kaufgewohnheiten ändern – weniger Fleisch, Milch und Eier zu einem höheren Preis.“

Dieser Artikel stammt aus der WAZ am Sonntag. Hier können Sie das E-Paper ganz einfach bestellen:

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