Europa

Vier Europäer erzählen von ihrem Zuhause in Deutschland

Sanna Lindström kam der Liebe wegen nach Deutschland. Jetzt designt sie Brautkleider.

Sanna Lindström kam der Liebe wegen nach Deutschland. Jetzt designt sie Brautkleider.

Foto: Ilgner Detlef

Essen .   Sie sind in Schweden, Griechenland, Bulgarien oder Litauen geboren, ihr neues Zuhause ist in Nordrhein-Westfalen. Vier Europäer erzählen warum.

In keiner anderen Region Deutschlands leben so viele Menschen unterschiedlicher europäischer Nationalitäten wie in Nordrhein-Westfalen. Sie alle hatten ihre individuellen Gründe, hier Arbeit und auch eine neue Heimat zu suchen – und kamen manchmal auf verschlungenen Wegen zu uns. Die EU hat ihnen diesen Schritt erleichtert. Wir stellen im Folgenden vier solcher europäischer Lebensgeschichten vor.

Sanna Lindström aus Schweden, Modedesignerin in Mönchengladbach

Wenn es möglich wäre, dass Figuren aus Märchen lebendig werden könnten, dann wäre Sanna Lindström eine Prinzessin. Mit ihren blauen Augen, langen Beinen und blonden Locken, die ihr bei jedem Lachen ums Gesicht wippen, wirkt die Schwedin auf den ersten Blick wie eine makellos strahlende Schönheit.

Aufgewachsen ist die 28-Jährige in der Nähe von Uppsala. Jetzt lebt sie in Mönchengladbach und besitzt ein Atelier für Brautmoden. Dort, auf einem alten rosa Shabby-Chic-Sofa, sitzt Sanna, die generell lieber geduzt wird, nippt an einer Tasse mit Blümchen und Goldrand – eine rosa-pastellene Welt. Doch rosa und weichgespült, das ist Sannas Geschichte nicht: „Ich war auf dem besten Wege, Medizinerin zu werden.“

Sanna Lindström sollte Ärztin werden

Sanna stammt aus einer Arztfamilie. Ihr Vater und ihre beiden Brüder – alles Ärzte. Eigentlich nur logische Konsequenz, dass sie den gleichen Weg einschlug; „etwas Vernünftiges, Sicheres und Gutes“ tut, wie Sanna es sagt. „Und dennoch, ich mochte es nicht.“ Sie habe die Arbeit emotional mit nach Hause genommen und generell nichts für Krankenhäuser übrig. Trotzdem hat Sanna diesen Beruf ihrer Familie zuliebe verfolgt, war sogar über lange Zeit Tutorin in der Pathologie. „Heute schneide ich Stoffe zurecht, keine Leichen – das gefällt mir wesentlich besser“, bemerkt sie trocken, dann lacht sie laut.

Dass sie der Weg von Uppsala nach Mönchengladbach führen würde, hat Sanna nicht geplant. Alles begann mit einer Reise nach Asien, mit der sie sich nach ihrer letzten Klausur im Studium belohnen wollte. Vielleicht wäre dies der richtige Zeitpunkt, um ein: „Es war einmal“ einfließen zu lassen. Sanna und ihre Freundin waren gerade in einem Küstenort in Vietnam angekommen, als sie an einem Abend in der Bar „Why not“ einen Mann sah. Es war Simon Gincberg (32), ein smarter Mann aus Korschenbroich, der nach seinen ersten Karriereschritten bei der Show „Deutschland sucht den Superstar“ ein Studium in Hong Kong in internationalem Management begonnen hatte und auch in Vietnam Urlaub machte. Die Blicke trafen sich. In der einzigen Disco des Ortes traf man sich wieder und es folgte ein langer Spaziergang am Strand.

Ihr Traummann kommt aus Mönchengladbach

Sanna schaut zu ihrem Mann, der neben ihr sitzt und ihren kleinen Chihuahua-Mischling auf seinem Schoß streichelt. „Wir haben über Facebook Kontakt gehalten, manchmal bis fünf Uhr morgens gechattet“, erinnert sich Sanna. Und schon nach wenigen Wochen entschied sie sich, Simon in Deutschland zu besuchen. „Ich mochte direkt diese rheinische Mentalität“, sagt sie. Ein Gespräch mit Fremden im Aufzug oder vor dem Lebensmittelregal im Supermarkt sei in Schweden unüblich. „Das ist hier anders und mir gefiel das sehr!“, erzählt Sanna. Aus dem damaligen Wochenendtrip wurden übrigens zwei Wochen. Drei Jahre später heirateten die beiden und Sanna zog endgültig nach Deutschland.

„Durch die europäischen Regelungen war alles – von der Anerkennung unserer Eheschließung in Schweden, bis hin zur Ummeldung in Deutschland – wirklich unkompliziert“, erzählt sie. Doch für ihre Familie war es ein Schlag und als sie dann auch noch ihren Job als Ärztin aufgeben wollte, war das Chaos komplett. Die Eltern entsetzt. Sanna ohne Job und Aufgabe in einem fremden Land: „Ich kannte niemanden außer die Freunde meines Mannes und sprach kaum Deutsch.“ Doch Sanna wollte in Deutschland ankommen. Sie begann damit, sich ihre Aufgabe zu suchen: restaurierte Möbel, gestaltete ihr Zuhause in schwedischer Gemütlichkeit und als eine Freundin ein Hochzeitsoutfit brauchte, nähte Sanna das Kleid kurzum selbst. Denn handwerklich begabt, das ist sie – auch, wenn sie das Nähen und Designen nie professionell gelernt hat. „Nach der Hochzeit kamen dann zahlreiche Frauen auf Sanna zu und wollten unbedingt ein Kleid von ihr“, erzählt ihr Mann stolz. Und plötzlich war sie da: Die Idee, Brautmoden zu designen.

Die Schwedin vermisst nichts, außer die Natur

Im Februar 2017 eröffnete Sanna ihr erstes Brautmodenatelier in Ratingen. Sieben Monate später dann den Laden in Mönchengladbach. Im Januar 2019 soll ein weiteres Studio in Krefeld folgen. Inzwischen arbeiten zehn Angestellte in den Ateliers, die alle den gleichen Charme besitzen, sind sie doch allesamt in denkmalgeschützten Häusern untergebracht. Sannas großer Traum ist es, irgendwann eine eigene Scheune zu kaufen und diese als Hochzeitslocation auszubauen. Irgendwo auf dem Land, denn wenn es eines ist, was sie in Deutschland vermisst, dann ist es die Natur: „Am Wochenende mal eben mit der Familie raus aus der Stadt in die wilde Natur. Das fehlt mir schon.“ Und dann erzählt Sanna vom Stockbrot über dem Lagerfeuer, vom Schwimmen in einsamen Seen, vom Pilze- und Blaubeersammeln und da ist sie wieder: Diese Märchenwelt, die Sanna Lindström ausstrahlt.

Eine Atmosphäre, die sie in ihr Brautmodenatelier übertragen hat: knarrende Dielenböden, spitzenbesetzte Vorhänge und ein offener Schrank, voller Kleider aus Tüll und Chiffon in Weiß, Créme, Rosé und Pastelltürkis. 50 verschiedene Modelle hat Sanna in einem Jahr designt. All ihre Kleider werden in Europa handgefertigt und den Wünschen der angehenden Bräute angepasst. Kostenpunkt: zwischen 690 bis zu 2500 Euro.

„In Schweden wäre Brautmodendesignerin kein richtiger Job“. Sanna macht bei dem Wort „richtig“ symbolische Anführungsstriche in die Luft. Hier in Deutschland gebe es einfach mehr Möglichkeiten und gerade in NRW fühle sie sich angekommen. Dafür hat die Schwedin ihre Familie und ihren Job hinter sich gelassen und ist ihrer Intuition gefolgt. In einer ausliegenden Broschüren schreibt Sanna, dass ihre Arbeit sei: „wie ein schwedischer Mittsommernachtstraum, der sich in unseren Herzen entfaltet und Frauen zu Prinzessinnen werden lässt.“ Und wäre diese Geschichte ein Märchen, so wäre dies sicherlich ein passendes Ende.

Alexis Theodorou aus Griechenland,arbeitet als Chirurg in Bonn

Mehr als eine halbe Million – so viele Menschen haben Griechenland Schätzungen zufolge seit dem Jahr 2010 mit der beginnenden Finanzkrise verlassen. Dazu gehört auch Alexis Theodorou. Immer wieder sagt der 36-Jährige, dass seine Geschichte nichts Besonderes sei. Er spricht selten von sich, lieber redet er von „wir“ und meint damit die anderen Griechen, die nach Deutschland ausgewandert sind. Theodorou führte einst ein Praktikum in seinem Medizinstudium nach Deutschland. Vor acht Jahren kehrte er dann an die Klinik in Gummersbach zurück und machte dort seinen Facharzt im Bereich Chirurgie. Inzwischen arbeitet er im Uniklinikum Bonn und gehört dort zum Transplantationsteam für Organe.

Immer wieder geht sein Blick deshalb zum Handy, denn er hat Bereitschaftsdienst. Wenn Theodorou spricht, dann tut er es überlegt, streicht dabei manchmal durch seinen Bart. Er ist ein ruhiger Mann, der sich für viele Dinge engagiert: für die Anliegen junger Ärzte in der Gewerkschaft Marburger Bund, für junge Chirurgen in der europäischen Ärztekammer. Und er ist Gründungsmitglied und Präsident des Vereins griechischer Ärzte in NRW. Doch Theodorou will sich nicht in den Vordergrund drängen. Er sei einer von vielen griechischen Ärzten, die nach NRW gekommen sind. Es sei nur logische Konsequenz gewesen, einen Verein für griechische Ärzte zu gründen. „Schon in den 50er und 60er Jahren kamen viele Griechen als Gastarbeiter nach NRW“, erklärt Theodorou.

Griechischer Arzt kämpft für die Integration

Viele seien während der Wirtschaftskrise deshalb in die Nähe ihrer Verwandten nach Deutschland gezogen und hätten dankbar die Hilfe des Vereins – beispielsweise bei der Übersetzung und Anerkennung von Dokumenten – angenommen. „Eine Gesellschaft verhält sich so wie ihre Sprache ist“, sagt Theodorou und meint damit nicht nur das Beamtenkauderwelsch, für das Deutschland auch in Griechenland bekannt ist. Nein, er meint damit besonders die Vorurteile über Griechen, die durch die Wirtschaftskrise neu befeuert wurden. Es sind abschätzige Formulierungen, die Theodorou nicht wiederholen möchte.

Gerade deshalb wollen er und die anderen Vereinsmitglieder einen Beitrag zur Integration leisten: „Ein griechischer Arzt kann im besten Fall ein Multiplikator für ein gutes Image sein“, sagt er. Man komme schließlich mit vielen Menschen in Kontakt. Es sei ein guter Weg, Vorurteile abzubauen. NRW sei dafür ein dankbarer Ort. Gespräche in unterschiedlichen Sprachen, das sei in der Kölner Straßenbahn völlig normal: „Hier fühle ich mich nie fremd.“ Theodorou wirkt kurz nachdenklich. „Im Grunde ist sich unsere Generation doch sehr ähnlich. Wir kennen Europa alle als eins. Grieche oder Deutscher – es ist ganz gleich. Ich fühle mich als Europäer.“

Ilia Gruev aus Bulgarien, bis vor kurzem Trainer des MSV Duisburg

Wer Ilia Gruev gegenübersitzt, kann sehen, dass es ihm gut geht. Seine Augen leuchten, wenn er aus seinem Leben erzählt. Er hat eine neue Heimat in einem Land gefunden, in dem er nicht geboren ist. Und er hat dabei eine Stadt in sein Herz geschlossen, die er jetzt sein Zuhause nennt: Duisburg. Der 49-Jährige erinnert sich an diesem Wintermorgen in einem Café in der Duisburger Innenstadt gerne an jenen für ihn so wichtigen Tag im April 2016, als ihm Oberbürgermeister Sören Link den deutschen Pass überreichte. Seitdem besitzt er die doppelte Staatsbürgerschaft.

„Es war sehr viel Papierkram, die Prozedur hat fast zweieinhalb Jahre gedauert“, sagt der Deutsch-Bulgare. Heute ist er „sehr stolz, beide Pässe zu besitzen“. Auch seine Ehefrau Petia (49) und ihre beiden gemeinsamen Kinder haben deutsche Papiere. Gruev, der knapp drei Jahre Trainer des Fußball-Zweitligisten MSV Duisburg war, ehe sich der Verein Anfang Oktober von ihm trennte, hat sich in seiner zweiten Heimat mit seiner Familie ein Leben aufgebaut.

Der Fußball führte die Familie nach Deutschland

Vor 18 Jahren, als Bulgarien noch nicht zur EU gehörte, kam er als Profifußballer mit seiner Familie nach Deutschland. Seine Tochter Hristiana war zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt. Der Sohn, der wie sein Vater Ilia heißt und heute in der U19 von Werder Bremen spielt, erst sechs Monate. Gruev, der in Sofia geboren wurde, hatte sich entschieden, vom bulgarischen Erstligisten Neftochimik Burgas zum MSV zu wechseln. Seine Familie begleitete ihn nach Duisburg. Der frühere bulgarische Nationalspieler vollzog damit einen Schritt, der auch mit einem gewissen Risiko verbunden war. „Meine Frau und meine beiden Kinder waren schließlich abhängig von meinem Arbeitsvertrag“, erklärt er. „Wenn ich keinen Arbeitsvertrag mehr gehabt hätte, hätten wir hier nicht bleiben können.“

Gruev jedoch wurde in Deutschland heimisch. Er erhielt mit seiner Familie eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. „Wir haben uns sofort wohl gefühlt und schnell integriert“, erzählt er. „Wenn man in einem anderen Land ist, muss man die Regeln und Abläufe wahr- und annehmen und sich anpassen.“ Gruev ist ein Mensch, der durchaus Wert auf solche Dinge legt, die Menschen mit Deutschland assoziieren: „Ordnung, Disziplin und Pünktlichkeit“ habe er allerdings bereits in Bulgarien erlernt, betont er.

Eine Liebe, die niemals endet

2015 unterzeichnete er seinen ersten Vertrag als Cheftrainer in Duisburg. 2017 feierte er mit seiner Mannschaft den Aufstieg in die Zweite Liga. Nach acht sieglosen Spielen in Serie in dieser Saison vollzog der Klub die Trennung. Gruev weiß: „Das sind eben die Mechanismen des Geschäfts.“ An seinem Verhältnis zum Verein habe das jedoch nichts geändert: „Meine Liebe zum MSV kann ich nicht mal richtig erklären. Aber diese Gefühle sind mit der Zeit immer stärker geworden, und sie werden für immer bleiben.“

Vidas Vaitiekunas aus Litauen, Pfarrer in Dorsten

„Deutschland ist mein Zuhause. Hier fühle ich mich wohl. Aber zuallererst bin ich ein Litauer.“ Fast 20 Jahre schon lebt und arbeitet Vidas Vaitiekunas in Deutschland. Seit November 2016 ist er Pfarrer in der Gemeinde St. Agatha in Dorsten. „Zu 70 Prozent bin ich Seelsorger hier vor Ort. Die restlichen 30 Prozent widme ich mich den in Deutschland lebenden katholischen Litauern“, erklärt der 46-jährige Geistliche. Die Deutsche Bischofskonferenz hat ihn zum Sprecher der litauischen Seelsorge in Deutschland gemacht. Offiziell gehört er weiter dem litauischen Bistum Šiauliai an.

Ein Spagat zwischen zwei Welten, der Vidas Vaitiekunas zu einem überzeugten Europäer gemacht hat: Geboren und aufgewachsen in Kaunas war es für seine Familie nicht leicht, ihren katholischen Glauben zu leben. „Litauen gehörte zu dieser Zeit zur Sowjetunion, ist ja erst 1990 ein souveräner Staat geworden. Regelmäßige Kirchenbesuche waren damals nicht möglich. Auch die Grenzen waren dicht. Die einzige Fremdsprache, die wir lernten, war Russisch. Wozu sollten wir auch eine andere lernen, wo wir doch nirgendwo hinreisen durften?“, fragt der Litauer.

Ein Seelsorger für die hiesigen Litauer

Doch er sollte nach der politischen Wende 1990 seine Chance bekommen. „Ich hatte mein Studium an der theologischen Fakultät in Kaunas abgeschlossen und war 1995 zum Diakon geweiht, als mir die Möglichkeit eröffnet wurde, im südoldenburgischen Vechta bei der Gemeinde und den Hilfsorganisationen Caritas und Malteserhilfsdienst ein zweimonatiges Praktikum zu machen“, berichtet Vaitiekunas. Er griff sofort zu, auch als der für die Mission zuständige Prälat Eudenbach aus Bayern den jungen Diakon fragte: „Wollen Sie Deutsch lernen?“ So landete der Litauer später noch in Steppach bei Augsburg und paukte sich in einem Crash-Sprachkurs durch die deutsche Sprache und Grammatik.

Als einziger Deutsch sprechender Exot im Priesterseminar war Vaitiekunas fortan in seiner Heimat ein gefragter Dolmetscher. „Mein Bischof sagte mir, er suche einen Deutsch sprechenden Priester, der die in Deutschland lebenden katholischen Litauer betreuen möchte. Ob ich Interesse hätte“, erinnert sich Vaitiekunas. Er sagte zu. „Rund 30.000 katholische Litauer sind in Deutschland gemeldet. Doch die tatsächliche Zahl ist weitaus größer“, vermutet der Seelsorger, der reichlich Kilometer zu seinen Einsätzen zurücklegt.

„Ich bleibe in Deutschland“

Vidas Vaitiekunas fühlt sich wohl im europäischen Deutschland. „Ich kenne keinen Litauer, auch keinen der älteren Generation, der den alten, kommunistischen Zeiten hinterhertrauert.“ Wird er irgendwann in seine Heimat zurückkehren? „Diese Pläne habe ich nicht“, antwortet Vaitiekunas. „Nein, ich bleibe in Deutschland.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben