Party-Wissen

Wetter-Smalltalk ist für Deutsche eine große Herausforderung

Meine Damen und Herren: das Wetter! Nicht unbedingt das beste Thema für Small-Talk. Tatsache!

Meine Damen und Herren: das Wetter! Nicht unbedingt das beste Thema für Small-Talk. Tatsache!

Foto: Raufeld

Dolmetscherin Susanne Kilian über das Missverständnis, dass Wetter hierzulande ein gutes Gesprächsthema ist.

Susanne Kilian arbeitet als UN-Dolmetscherin, hat das Buch „Don’t let me be misunder­stood: Wie wir weltweit besser verstanden werden“ geschrieben, gibt Seminare und hält Vorträge über Smalltalk und international erfolgreiche Kommunikation. Im Gespräch mit Kathrin Gemein erklärt sie, warum sich Deutsche mit dem Smalltalk-Thema Wetter schwertun.

Frau Kilian, warum verbinden wir Smalltalk mit „übers Wetter reden“?

Genau dasselbe frage ich mich selbst immer wieder. Denn für uns deutsche Muttersprachler ist Smalltalk an sich eine Herausforderung. Mit dem beim Thema Wetter machen wir es uns nicht leichter: Es regnet. Ja, stimmt. Es schneit. Ja, stimmt. Die Sonne scheint. Schön. Und dann läuft sich das Thema schnell tot – was gibt es da sonst noch zu sagen?

Woran liegt das?

Wir kommen aus einer Kultur, in der wir die Kunst des Smalltalks nicht lernen; es ist hier gesellschaftlich nicht wichtig. Für uns ist Unterhaltung primär Informationsaustausch.

Geht das in anderen Ländern besser?

Engländer können 45 Minuten sehr angeregt über das Wetter reden. Denn ein Engländer versteht, dass es bei einem Kommentar zum Wetter nicht um einen tatsächlichen Informationsaustausch geht, sondern um ein wunderbar unverbindliches, aber verbindendes Thema. Und sich darüber auszutauschen, das wirkt nicht seicht, sondern ist ein gelungener Einstieg in einen Austausch, einen sozialen „Tanz“ von Freundlichkeiten.

Was können deutsche Muttersprachler denn besser machen?

Der Aufhänger „Wetter“ kann uns wunderbar dazu dienen, eine positive Chemie herzustellen. Zum Beispiel: „Hurra, es schneit. Meine Kinder haben sich schon seit Wochen darauf gefreut, bald mal Schlitten zu fahren.“ Oder: „Der Regen wird wärmer und riecht es nicht schon nach Frühling? Das haben wir uns nach dem langen Wintergrau doch verdient!“. Da wir unseren Fokus auf das Positive der Situation lenken, fühlen sich alle Gesprächspartner nicht nur besser, sondern wir bleiben auch als angenehm in Erinnerung.

Wie sieht es denn in Ländern aus, in denen das Wetter nicht so wechselhaft ist wie in Deutschland und Großbritannien?

Wetter wird in anderen Kulturen mehr als etwas Verbindendes verstanden. Selbst in Florida oder Kalifornien hebt man zum Beispiel mit: „Hey, heute scheint die Sonne – was haben wir für ein Glück!“ die Stimmung. Auch das Frühstücksfernsehen der „sunshine states“ weist freudig auf den zu erwartenden Sonnentag hin. Für uns deutsche Muttersprachler, die nicht das Privileg von 350 Strandtagen pro Jahr genießen, wirkt das eher redundant.

Müssen wir also lernen, etwas weniger übers Wetter zu jammern?

Seit vielen Jahrhunderten haben wir ein weniger entspanntes Verhältnis zum Wetter. Unser Ernteerfolg ist stark wetterabhängig. Zudem prägten viele spannende historische Gründe unsere Kommunikationskultur, die uns nicht zum geborenen Smalltalker machen. Nutzen wir unseren Pragmatismus, um über andere verbindende Themen zu sprechen: vom Essen über Kindern bis hin zum Fußball.

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