Beziehungsleben

Wie Rituale die Partnerschaft bereichern können

Der gemeinsame Tanz zu „unserem Lied“ ist nur eines von beliebten Ritualen unter Paaren.

Der gemeinsame Tanz zu „unserem Lied“ ist nur eines von beliebten Ritualen unter Paaren.

Foto: getty

Essen.   Jedes Paar hat seine eigenen kleinen Rituale. Wenn sie nicht zur lästigen Pflicht werden, können sie die Beziehung sogar stärken und bereichern.

Den Satz „Wir haben gar keine Rituale!“ hörte die Diplompädagogin und Paarberaterin Anke Birnbaum ziemlich oft zu Beginn der Interviews, die sie für ihre Doktorarbeit mit Paaren machte. „Im Lauf des Gesprächs zählten sich die Partner dann irgendwann auf, wer welchen Hochzeitstag vergessen hat“, berichtet die 43-Jährige amüsiert. Ob man will oder nicht: Rituale gehören zu jeder Beziehung. Gemeint sind nicht nur Anlässe wie Weihnachten oder Geburtstage und deren individuelles Begehen und Gestalten.

Fast alles, was ein Paar gemeinsam unternimmt, kann zum Ritual werden. Entscheidend ist, dass es sich nicht nur um ein zur Routine gewordenes Verhalten handelt. Die regelmäßige, gepflegte Verabredung mit dem eigenen Partner, der hinterlegte Zettel mit einer codierten Botschaft, die sonst niemand versteht, das Überraschungsfrühstück und das schräge Date zum Fondue auf dem winterlichen Balkon – die besonderen und alltäglichen Rituale sind nicht nur kurze Verwöhnpausen. Sie stärken den Zusammenhalt und drücken mehr aus, als die Partner sich mal eben mit Worten sagen könnten.

Rituale dürfen nicht zum Teufelskreis werden

Wie wichtig sie sind, wird vielen erst bewusst, wenn sie nicht mehr stattfinden. Auf manche eingespielte Verhaltensabläufe könnte man dagegen durchaus verzichten. „Ein ritualisierter Ablauf kann auch negativ sein“, sagt Birnbaum und verweist auf ritualisierte Schimpfworte, Beleidigungen, verbale Gewalt.

Zum Glück gibt es aber nicht nur die immer gleich ablaufenden Teufelskreise aus Vorwürfen, sondern auch konstruktive Streitrituale die helfen, einen Konflikt zu begrenzen. „Es gibt Paare, die verkeilen sich über drei Stunden“, sagt Birnbaum und rät Klienten in dieser Situation: „Nehmt es an, dass ihr so aufgeheizt zu keiner Konfliktlösung kommt. Gebt euch Zeit, um abzukühlen!“

Auszeit dank Tante Gerda

Wie diese Auszeit markiert wird, überlässt sie den Paaren, die dafür ganz individuelle Lösungen entwickeln. Wenn man zu wütend ist, dem anderen zuzuhören, helfe ein humorvoller Code, sagt Birnbaum. Eines ihrer Paare sagte in solchen Situationen „Tante Gerda!“, warum auch immer. „Dann mussten beide lachen und haben es so hingekriegt zu sagen: Okay, wir lassen das jetzt, weil genau das wollen wir nicht.“ Ein anderes Paar erfand das Ritual, notfalls einen Kaffeebecher aus der Toskana in der Mitte des Tischs zu platzieren. „Das hieß: Ich kann zwar grad nicht mehr, aber ich komm’ wieder, ich versprech’s!“ Das könne sogar bei hochstrittigen Paaren funktionieren – wenn beide die nötige Selbstdisziplin aufbringen.

Verbreiteter dürften allerdings Versöhnungsrituale sein, bei denen der Streit mitunter mehr verdrängt als löst. So könne es auch ritualisiert sein, „dass immer nur der eine Partner sich entschuldigt und eine Wiederannäherung versucht“, sagt die Paarberaterin. „Rituale sind ein zweischneidiges Schwert – aber sie haben etwas ganz Positives, Verbindendes und stärken das Wir-Gefühl des Paares. Wer Zweisamkeitsrituale pflegt, hat eine positivere Verbindung und dadurch einen besseren Stresspuffer.“

Traditionen müssen gepflegt werden

Das enorme, „beziehungsnotwendige“ Potenzial regelmäßig gepflegter Rituale scheint vielen nicht bewusst zu sein. „In Krisenzeiten werden solche Termine als Erstes über Bord geworfen“, sagt Anke Birnbaum. Auch wenn ein Partner beruflichen Stress hat, schiebt man die gemeinsamen Unternehmungen meist ganz nach hinten, weil der andere am ehesten Verständnis hat. Dabei gilt auch für Paar-Rituale „Use it, or lose it“ – wenn sie nicht gepflegt werden, verliert man sie irgendwann ganz und tut sich schwer, wieder mit kleinen Aufmerksamkeiten anzufangen. „Meine Frau lacht sich ja tot, wenn ich ihr jetzt plötzlich wieder kleine Klebezettel-Nachrichten hinlege“, sagte ein Klient zu Birnbaum.

Kleine Dates im Alltag

Die Paarberaterin betont, dass die Pflege von Ritualen immer eine Anstrengung voraussetze – wie bei jenem Ehepaar, das über fünfzig Jahre lang jeden Mittwoch tanzen ging – allen Hindernissen zum Trotz. „Sie haben betont, dass das Arbeit war, das zu pflegen. Das war eine bewusste Entscheidung“, berichtet Birnbaum, die Paare immer wieder überzeugen muss, dass man in Beziehungen investieren muss und nicht warten kann, bis beide irgendwann ein Zeitfenster und gleichzeitig spontan romantische Gefühle füreinander haben.

Paaren werde heute eine Organisations- und Abgrenzungsleistung abverlangt. Um bewusst mitten im Alltag ein wohltuendes kleines Date mit dem Partner zu erleben, gilt es nicht nur den Termin zu verteidigen, sondern wenn es soweit ist, auch alle Medien auszuschalten und sich ganz auf den anderen einzulassen.

Rituale dürfen „mitwachsen“

Gefahr droht den beziehungsbelebenden Bräuchen aber auch von innen: Wenn Rituale zu hohlen Pflichtveranstaltungen werden – zumindest für einen Partner. Wenn er (oder sie) „Unser Lied“ buchstäblich nicht mehr hören kann und beim Thema „Unser Urlaubsziel“ heimlich die Augen verdreht, ist es Zeit, über Veränderungen zu sprechen. Rituale können und sollen „mitwachsen“.

Bei solchen „überritualisierten“ Familien besteht die Gefahr, dass die Partnerschaft ihre Lebendigkeit verliert. Haben beide ihr Ding gefunden, lohnt es sich, unbedingt daran festzuhalten – wie jene alten Hamburger Eheleute, die Anke Birnbaum von ihrer Tanzleidenschaft erzählten: „Das war für sie so wichtig, diesen gemeinsamen Lebensinhalt zu haben und zu pflegen, dass darüber hinaus eine ganz andere Verbindung entstanden ist.“

>>> Kleine Fluchten – Ideen für eigene Rituale

– Ein gemeinsames Frühstück vor der Arbeit, vielleicht an einem ungewöhnlichen Ort in der Wohnung . . .

– Gemütlich gemeinsam kochen und essen.

– Verwöhnabend, zum Beispiel mit Fußmassage und einem Lieblingsfilm.

Variante: Jeder ist einen Abend lang Gast, der andere verwöhnende/r Gastgeber/in.



– Medienfreier Abend ohne Handy, Tablet, Fernseher, Laptop, Smartwatch und PC . . . und einfach mal genießen.


– Überraschungs-Event für einen Partner, alle vier Wochen abwechselnd.

– So oft es geht, ein Wochenende – für Entspannung oder Unternehmungen – zu zweit reservieren und dann für alle anderen nicht erreichbar sein.


– Sich nach der Arbeit bei einer kleinen Runde mit dem Rad oder zu Fuß gegenseitig erzählen, was der Tag gebracht hat.

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