Studium

Wie Studierende unter dem Druck an der Universität leiden

Fünf Jahre lang war das Studium in Bochum für Kendra S. die Hölle. Der Neubeginn führte sie an die Universität Duisburg-Essen.Foto:Vladimir Wegener

Fünf Jahre lang war das Studium in Bochum für Kendra S. die Hölle. Der Neubeginn führte sie an die Universität Duisburg-Essen.Foto:Vladimir Wegener

Bochum/Essen.  Prüfungsangst und Leistungsdruck – das Studium an der Ruhr-Universität Bochum war für Kendra eine Qual. Wie sie den Weg zurück an die Uni fand.

„Ich habe die Aufgabe gelesen und sofort gewusst: Das verstehe ich nicht. Ich hatte einen Blackout. Mir war klar, dass ich die ganze Klausur nicht schaffen werde. Alles, was ich denken konnte, war: Das war’s. Du hast es versaut.“

Es war genau diese eine Prüfung in Organischer Chemie, die Kendra S. (26) schon am Anfang ihres Studiums zusetzte, und wegen der sie von der Ruhr-Universität in Bochum zwangsexmatrikuliert wurde.

Die damals 18-Jährige fing 2011 das Studium in Bochum an, da ihr Abitur mit Dreier-Durchschnitt nicht für das Traumfach Medizin reichte. Sie wollte ein paar Semester Chemie studieren, vielleicht später in die Medizin wechseln, um in der Forensik oder Rechtsmedizin zu arbeiten – ihr Berufswunsch, seitdem sie fünf Jahre alt war. „Auch wenn ich schon in der Schule Prüfungsangst hatte, wollte ich schon immer auf die Uni. Zuerst war es auch, wie ich es mir erhofft hatte.“

Mehr als jeder sechste Studierende hat psychische Probleme

Weg vom festen Schul-Stundenplan, rein in die Entscheidungsfreiheit, Kurse und Lernstunden so zu legen, wie sie will: Kendra genießt das soziale Leben an der Uni, lernt Freunde kennen, verliebt sich sogar nach nur drei Wochen auf dem Campus. Das Lernen wird zur Nebensache. „Ich kam gerade von der Schule, hatte einen Freund und keine Anwesenheitspflicht in den Kursen. Es war eine tolle Zeit.“

Doch dann kam die verhängnisvolle Klausur. Danach wurde alles schlimmer – die Prüfungsangst, der Leistungsdruck, die Erwartungshaltung.

Drei wichtige Faktoren, die Studierenden zusetzen. Aus dem Arztreport der Barmer Krankenkasse von 2018 gehen alarmierende Zahlen hervor: Mehr als jeder sechste Studierende hat mittlerweile eine sogenannte psychische Diagnose, das sind eine halbe Million junge Erwachsene – Tendenz steigend. Sie leiden unter Depressionen, Angststörungen oder Panikattacken.

„Wenn ich die Klausur nicht schreibe, kann ich sie nicht verhauen“

Kendra entschließt sich, die Kurve zu kriegen, lernt intensiv für die Klausuren, manchmal wochenlang.

Trotzdem schafft sie ihre Prüfungen selten im ersten Anlauf; die Zweitversuche stapeln sich, die Unsicherheit wächst – denn der dritte Versuch ist der letzte, dann ist das ganze Studienfach verloren und damit oft der ganze Berufswunsch. „Ich habe ständig geschwankt zwischen ,Die Anderen können das doch auch, also schaffst du das’ und ,Du bist nutzlos, du kannst nichts, du bist hier falsch’“. Beim zweiten Mal im Fach Organische Chemie kann Kendra sich nicht mehr beherrschen. Als sie merkt, dass sie wieder an den Aufgaben zu scheitern droht, fängt sie mitten in der Klausur an zu weinen. „Ich war fertig. Den dritten und letzten Versuch habe ich deshalb immer herausgezögert. Ich dachte, wenn ich die Klausur nicht schreibe, kann ich sie auch nicht verhauen.“

Zu viel Freiheit und Eigenverantwortung

Die Jahre an der Bochumer Universität werden zäher, Kendra setzt sich ständig selbst unter Druck, ist mal enttäuscht, mal traurig, mal wütend auf ihre Situation. „Am Anfang suchte ich vor Familien und Freunden noch Ausreden dafür, warum ich so lange für das Studium brauche – keine Zeit, viel zu tun, ich brauche eine kleine Pause – aber irgendwann habe ich sie angeschrien, dass es mein Leben ist und sie nichts angeht.“ Ein Leben, das ihr, wie sie jetzt weiß, zum damaligen Zeitpunkt zu viel Freiraum und Eigenverantwortung gegeben hat. Dazu dieses Gefühl, wenn alle an dir vorbeiziehen.

Kendra wird depressiv; wie eine Last trägt sie etliche Prüfungen fünf Jahre lang mit sich herum. „Ich war überzeugt, dass ich es eh nicht schaffe.“ Wenn sie sich mal für eine Klausur anmeldet, meldet sie sich ein paar Tage davor doch wieder ab. „Irgendwann bin ich einfach nicht mehr aufgestanden. Habe täglich 16 Stunden geschlafen. Die wenige Zeit am Tag, die ich wach war, habe ich gegessen.“ Die Zahl auf der Waage wird größer, Kendra ist frustriert und enttäuscht. „Ich war am Ende. So sehr, dass ich überlegt habe, den finalen Schlussstrich zu ziehen.“

Neubeginn in Essen

Dann kommt der Brief der Hochschule, der ihr 2016 mitteilt, dass sie zwangsexmatrikuliert wird. Wegen jener Klausur in Organischer Chemie, die sie bis zu einem bestimmten Zeitpunkt im Studium hätte bestehen müssen. „Ich wurde panisch, habe mich vor den Computer gesetzt, mich für jeden Studiengang beworben, der für mich zugänglich war. Alles, woran ich denken konnte war, dass ich bloß keine Lücke im Lebenslauf haben darf.“ Wieder steuern sie ihre eigenen Erwartungen.

Sie bekommt schlussendlich eine Zusage für den Studiengang Kulturwirt an der Universität Duisburg-Essen – weg von chemischen Formeln, hin zu Wirtschaftsvokabeln. Erst nach der Zusage erkundigt sie sich im Internet, was es mit ihrem neuen Studienfach eigentlich auf sich hat. „Als ich gesehen habe, dass Betriebswirtschaftslehre ein Teil des Studiums ist, bekam ich wieder Angst.“ Doch sie zieht es durch, wagt sich in die erste Vorlesung – und versteht sogar, worum es geht. Auch wenn sie bis heute mit ihrer Vergangenheit kämpft, geht es ihr mittlerweile besser.

Kendra wünscht sich mehr Aufmerksamkeit an Universitäten

Kendra ist mit den Jahren gewachsen, wünscht sich aber bis heute, sie hätte den Mut gehabt, etwas zu ändern. „Es ist kein Versagen, wenn man merkt, dass man etwas doch nicht so gut kann wie man dachte. Studierende sollten sich weniger Druck machen, ihre Erwartungshaltung an sich selbst senken.“ Auch eine Studienberatung könne vielen Menschen helfen, damit sie am Ende etwas studieren, was ihren Fähigkeiten entspricht – nicht ihren Kindheitswünschen. Doch die mittlerweile 26-Jährige wünscht sich auch mehr Aufmerksamkeit und Miteinander an den Hochschulen. „Für so junge Menschen kann diese plötzliche Selbstständigkeit überfordernd sein. Doch es merkt niemand, da wir nur eine Nummer von vielen sind.“

Mittlerweile fühlt Kendra sich im Universitätstrubel wieder halbwegs wohl, lernt viel und arbeitet nebenher für eine Studentenzeitung. Sie möchte nun Journalistin werden: „Ich habe neue Perspektiven und wieder ein richtiges Leben. Rückwirkend hat die Zwangsexmatrikulation mich gerettet.“

>> PSYCHOLOGISCHE BERATUNG AN DEN UNIS

Studierende, die unter Prüfungsangst oder Leistungsdruck leiden, fühlen sich oft allein gelassen. Doch an vielen Hochschulen gibt es Angebote wie die „Psychologische Beratung“ der Uni Duisburg-Essen. „Wir haben diverse Möglichkeiten, Studierenden zu helfen“, sagt Psychologe Thomas Interbieten (48).

Er beobachtet, dass sich die Probleme von Studierenden durchaus ähneln. „Oftmals ist es aber nicht das Studium allein. Verschiedene Faktoren erschweren das Leben. Viele Studierende sind neu hergezogen und fühlen sich allein oder haben private Probleme.“ Auch wenn sich die Beratung darauf konzentriert, die „Studierfähigkeit wiederherzustellen“, darf über private Probleme gesprochen werden. „Wenn der Tod eines Hamsters jemanden so mitnimmt, dass er nicht vernünftig studieren kann, ist er hier richtig.“

Stress, Druck und Überforderung an der Uni

Die drei Mitarbeiter der Beratungsstelle, die nur in Teilzeit arbeiten, seien voll ausgelastet, die Nachfrage seit Jahren konstant hoch. Innerhalb der psychologischen Einzelberatung suchen Interbieten und seine Kollegen nach Lösungen für Stress, Druck und Überforderung, vermitteln in schwierigen Fällen auch in Therapien: „Nicht jede schlimme Phase ist direkt eine Depression. Vieles lässt sich auch ohne Therapie lösen.“

Bei den Gruppenangeboten treffen Studierende auf Gleichgesinnte, schriftliche oder mündliche Prüfungen werden trainiert, Ängste bewältigt. Auch bei der beliebten „Aufschieberitis“ kann ein Gruppenangebot helfen: „Viele nehmen sich zu viel vor, wenn sie die Motivation bekommen, wieder aufzuholen. Mit kleinen wöchentlichen Aufgaben muten sie sich nicht zu viel zu und finden wieder in einen sinnvollen Arbeitsablauf. Die Studierenden unterstützen sich gegenseitig.“ Wem alles zu viel wird, kann bei der Meditation lernen zu entspannen. „Es ist normal, in diesem wichtigen Lebensabschnitt mal Schwierigkeiten zu haben“, sagt der Psychologe. „Das heißt nicht, dass man es nicht schaffen kann.“

Die Universitäten im Ruhrgebiet bieten ihre Hilfe an. Das ist neben dem Angebot der Universität Duisburg-Essen auch die Ruhr-Universität in Bochum und die Technische Universität Dortmund.

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