Senioren

Willst du mit mir geh’n? Spaziergang zu mehr Leben und Liebe

Essen-Schönebeck ist hügelig. Da wird der Spaziergang zum Training.

Essen-Schönebeck ist hügelig. Da wird der Spaziergang zum Training.

Foto: Ingo Otto

Essen.   Spaziergangspatin Josefine Faoro-Kraus begleitet Senioren. Die wollen fit sein, sich nicht einsam fühlen. Manche finden dabei eine späte Liebe.

„Das Beste kommt zum Schluss“, scherzt eine Teilnehmerin, weil sie als letzte erscheint. Die Nachzüglerin umarmt eine der Wartenden, dann noch eine andere Frau. „Schön, dass du da bist!“ Und los gehen sie. Nach wenigen Metern werfen die Spaziergänger an der Gruppenspitze einen Blick zurück ans -ende, zu ihrem „Boss“ in hellgrüner Wetterjacke: „Fine? Wie gehen wir denn?“ Und Josefine Faoro-Kraus ruft lächelnd: „Links!“

Die 80-Jährige ist Spaziergangspatin. Sie ist eine von rund 140 Ehrenamtlichen, die in Essen in 36 Stadtteilen Senioren bei einer Tour begleiten. Und „Fine“, wie alle Spaziergänger sie nennen, macht das in Schönebeck jeden Dienstag um 11 Uhr. Mal gehen sie die Fußgänger- und Radtrasse Richtung Grugapark, und wenn es heiß ist, auch gerne durch den Borbecker Schlosspark.

„Jetzt übertreten wir die Grenze nach Mülheim“, sagt Fine, die früher bei der Awo das Mädchen für alles war und darüber auch den Patenjob bekam. „Wie im Bergischen Land“, sagt Mechthild Meffert (82) kurze Zeit später. Es geht hinauf und wieder hinab. Menschen mit Rollatoren, wie in anderen Stadtteilen üblich, sind hier nicht dabei. Schönebeck sei sehr hügelig, erklärt Fine: „Da muss man schon firm mit dem Rollator sein.“

Gute Unterhaltung und man tut etwas für die Gesundheit

Gut zu Fuß ist Agnes Sölker. Da ihr Mann verstorben ist und der Sohn nicht in Essen lebt, suchte sie Anschluss. Die 85-Jährige nennt die Vorteile der gemeinsamen Spaziergänge: „Es ist eine schöne Unterhaltung, man tut etwas für die Gesundheit, lernt mehrere Bekannte kennen – und das Kaffeetrinken nicht vergessen.“ Doch das müssen sie sich noch verdienen. Sie geht Seite an Seite mit Mechthild Meffert, zwischendurch nehmen sie sich bei der Hand. Aber auf einem schmalen Pfad laufen sie lieber hintereinander. Agnes Sölker: „Gänsemarsch.“

So spazieren sie vorbei an Feldern und Gärten – wenn man vor lauter angeregten Gesprächen überhaupt einen Blick dafür übrig hat. „Ist das nicht schön?“, ruft eine Spaziergängerin. „Wunderschön!“, bestätigen die anderen die bunte Pracht aus rosafarbenen Rhododendren und violettem Zierlauch. In einem anderen Garten spielen Kinder einer Kita. „Hallo“ ruft ein Junge über den Zaun hinweg. „Hallo“, antwortet Fine.

Bernd Stolten schaut sich die Häuser ganz genau an. Der 75-jährige ehemalige Kriminalhauptkommissar aus Rellinghausen ist das erste Mal dabei. Sein alter Sportsfreund kommt aus Schönebeck. „Vor 30, 40 Jahren haben wir auf einem Campingplatz in Duisburg Volleyball gespielt.“ Er würde ihn gerne wiedersehen. Aber wo genau der alte Kamerad gewohnt hat, weiß er heute nicht mehr. Vielleicht erkennt er ja dessen Haus wieder?

Eine Stunde, drei Kilometer oder rund 5000 Schritte später wird er zwar das Haus nicht entdeckt haben, aber er bereut den Weg keinesfalls: „Ich bin froh, dass meine Hüftarthrose durchgehalten hat.“

Wanderungen wären zu lang

Damit bricht der Neuling ein Tabu. „Wir sprechen über alles, nur nicht über Krankheiten“, nennt Josefine Faoro-Kraus das Motto der Gruppe. „Wir wollen doch lustig, fröhlich sein.“ Ob Hüfte oder Herz: Es gibt andere Themen. Und die lenken wunderbar ab, wenn es mal wieder schmerzt. „Wir haben alle unsere Wehwechen, auch wenn wir nicht darüber sprechen“, sagt Helga Knue (75). Deshalb würden sie sich auch nicht einer Wandergruppe anschließen. Die Touren wären ihnen viel zu lang.

„Hier hat doch mal Helge Schneider gelebt“, sagt eine der Frauen plötzlich. Dem „Katzeklo“ könne sie ja nicht viel abgewinnen, aber gut Klavier spielen, das könne der.

Jeder redet hier mal mit jedem. Lockere Freundschaften hätten sie so in der Spaziergruppe geknüpft, sagt die 74-jährige Ilse Hoffmann: „Wir laufen uns nicht die Tür ein, aber wir sind da, wenn man mal ein offenes Ohr braucht – oder eine Begleitung fürs Theater.“ 24 Teilnehmer sind sie heute, sie waren aber schon mal 34, auch bei schlechtem Wetter. Das ist ebenfalls ein beliebtes Thema: „Ich habe kalte Hände.“ – „Morgen ist die kalte Sophie.“ – „Mir ist zu warm.“ – „Moment, ich ziehe die Jacke aus.“

Bei Regen geht’s auf den Sportplatz

Bei Regen drehen sie allerdings lieber ihre Runden um den Sportplatz statt auf Feldwegen. „Manche haben Angst, dass sie schmutzige Schuhe kriegen“, erklärt Fine schmunzelnd.

„Jupp!“, warnt sie, als ein Teilnehmer auf die Straße geht, ohne sich nach Autos umzuschauen. Josef Nethevel trägt Wanderschuhe – „Das sind die besten.“ Und blank geputzt müssten die nicht sein. Einen Spazierstock hat der 82-Jährige immer dabei, selbst geschnitzt. Sein liebster zeigt am Handgriff den Kopf eines Bergmanns, wie er einer war. Aber im Ruhrgebiet hat er nicht gelebt, sondern im Kreis Heinsberg an der niederländischen Grenze. Vor einem Jahr ist er mit seiner Frau Renate nach Essen gezogen, wo auch die Tochter lebt. Betreutes Wohnen – das gefällt ihm. Und der Spaziergang jede Woche: „Wenn man das nicht hätte, wäre man einsam.“

Ebenfalls mit Stock ist Rolf Schumann unterwegs. Der 89-Jährige ist der Älteste in der Runde. Als Witwer lebte er sehr zurückgezogen. Bis ihm jemand den Tipp gab: „Geh’ doch mal unter Leute.“ Dann erfuhr er von dem Spazierprojekt: „Willst du mit mir geh’n?“

Er fühlte sich von Anfang an wohl in der Gruppe. Eine Teilnehmerin fand er aber besonders sympathisch. „Die Frau meines Lebens, die habe ich gefunden“, sagt er und lacht: „Hat zwei Jahre gedauert.“ Eigentlich wollte Helga Knue sich nicht mehr binden. „Ich war alleine, alles war okay, dann kam er.“ Schließlich erlag sie seinem Charme: „Er ist so ein liebenswerter Mensch.“

>> DER KONTAKTE-KNÜPFER

Hugo Thies hat die Stadtteilspaziergänge in Essen mit ans Laufen gebracht. 16 von 36 Touren gehen auf das Konto des 82-Jährigen. „Die 37. ist in der Mache.“

Als Gelsenkirchener Spaziergänger das Modell 2011 im Seniorenbeirat in Essen vorstellten, war Thies begeistert. Ein Jahr später starteten auch die ersten Spaziergangspaten in Essen. „In Huttrop haben wir heute eine starke Gruppe mit 60 Leuten, in Kupferdreh 80.“ Manche teilten sich auf: in sportliche und weniger schnelle Teilnehmer, die dann nur die halbe Strecke laufen. Wobei ein Rollator nicht für Langsamkeit stehe. „Es gibt auch welche mit Rollator, die in der sportlichen Gruppe sind.“

Ursprünglich kam die Idee vom Bundesgesundheitsamt, damit Senioren fit bleiben. Thies überzeugte noch mehr das unkomplizierte Kontakte-Knüpfen während des Spaziergangs. „Viele Frauen, die im Alter allein sind, vereinsamen. Wenn der Mann stirbt, dann fehlen die Freunde. Die Frau hat oft kein Auto. Oder die anderen Frauen befürchten, dass sie sich an ihren Mann ranschmeißt. Dann leben diese Frauen zurückgezogen, das ist doch schade.“

>> TREFFPUNKT FÜR SPAZIERGÄNGER UND PATEN

Eine Broschüre mit Spaziergängen in Essen sowie Treffpunkte, zu denen Senioren ohne Anmeldung gehen können: essen.de/senioren; Seniorenreferat: Tel: 0201/ 88 500 88

Auch andere Orte bieten ähnliche Programme an. Die Seniorenbüros der Städte helfen weiter. Für Bochum gibt es eine Übersicht. Duisburg: „Geh DU mit“ (Susanne Wißmann von Novitas BKK gibt Auskunft): Tel: 0203/545 82 73. In Gelsenkirchen berät das Generationennetzwerk Tel: 0209/ 169 – 6666, generationennetz-ge.de

Uni Witten/Herdecke erforscht zurzeit, wie gesund Spaziergänge sind. Ehrenamtliche, die Ältere in Witten begleiten möchten: Tel: 2302/926-712

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