Architektur

Wo sich 100 Jahre Bauhaus an Rhein und Ruhr finden lassen

Echt Peter Behrens: das Hauptlagergebäude der Gutehoffnungshütte in Oberhausen, Essener Str. 80.

Echt Peter Behrens: das Hauptlagergebäude der Gutehoffnungshütte in Oberhausen, Essener Str. 80.

Foto: LVR

Essen.   Echte Bauhaus-Gebäude sind selten an Rhein und Ruhr. Hier wurde die eng verwandte „Neue Sachlichkeit“ in Stein gemeißelt. Wir zeigen Highlights.

Das Bauhaus kann in diesen Tagen seinen 100. Geburtstag feiern – am 12. April 1919 wurde das „Staatliche Bauhaus in Weimar“ gegründet, erster Direktor wurde, auf Vorschlag des Architekten und Designers Henry van de Velde der Gestalter Walter Gropius. Der hatte sein Architekturstudium mangels zeichnerischer Begabung aufgeben müssen, machte sich aber nach einer Zeit im Büro des Groß-Architekten und Designers Peter Behrens selbstständig.

Gropius hatte seine Karriere nicht zuletzt der steten Förderung durch den Hagener Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus zu verdanken; die Idee des Bauhauses, das nach Vorbild der mittelalterlichen Bauhütten für große Kirchenbauten, alle Künste und Handwerke unter einem Dach vereinen sollte, hatte im Deutschen Werkbund einen frühen Vorläufer und in Osthaus’ Folkwang-Idee und dem „Hagener Impuls“ ebenfalls Quellen, die von der Kunst Impulse für die Gestaltung der modernen Alltagswelt ausgehen lassen wollten.

Das Bauhaus fand im Osten statt, in Weimar, Dessau und zuletzt Berlin. Das ist der Grund, warum es im Westen nur wenig originale Bauhaus-Architektur gibt, sofern man darunter Gebäude versteht, die von Bauhaus-Schülern oder Lehrern entworfen wurden. Dazu zählen nicht nur die als Schwester-Häuser errichteten Industriellenvillen Haus Lange und Haus Esters in Krefeld; deren Architekt Ludwig Mies van der Rohe entwarf auch die erst vor kurzem restaurierten Fabrik-Gebäude der Vereinigten Seidenweberei Aktien Gesellschaft (Verseidag). Neben der „Weißen Stadt“ als Siedlungsbau im Kölner Stadtteil Buchforst wäre vielleicht noch das Landhaus Ilse in Burbach zu nennen, dessen Entstehungsgeschichte noch unklar ist.

Aber selbstverständlich gibt es viele Bauten in NRW, die zu den Vorläufern des Bauhauses zählen oder entscheidend von ihm beeinflusst sind, vom Essener Gruga-Turm bis zur Zeche Zollverein, wo die Bauhaus-Prinzipien auf Industriearchitektur übertragen wurden. Auch für dieses „Neue Bauen im Westen“, das auf der gleichnamigen Internet-Seite ausführlich gewürdigt wird, zeigen wir auf dieser Seite einige Beispiele in der Region an Rhein und Ruhr.

Oberhausens Backstein-Paläste

Der Backsteinexpressionismus entwickelt sich in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts parallel zum Bauhaus. auch er lebt von klaren Konturen, arbeitet aber, im Gegensatz zum streng reduzierten Bauhaus, sehr wohl mit Dekor und Ornament. Die Architekten ließen die Ziegelsteine häufig zu Mustern gruppieren, hielten sich aber mit Zierrat eher zurück. Der Grandseigneur dieser Architektur war der große Industriedesigner Peter Behrens (AEG), in dessen Büro nicht nur der Bauhaus-Gründer Walter Gropius in die Lehre ging, sondern auch Mies van der Rohe und Le Corbusier, der Erfinder des vom Bauhaus inspirierten „International Style“.

Behrens entwarf in Oberhausen das Hauptlagerhaus der Gutehoffnungshütte, heute ein Industriemuseum des Landschaftsverbands Rheinland, eher schlicht und zurückhaltend – die andere Seite des Backsteinexpressionismus repräsentiert das 1928 gebaute Bert-Brecht-Haus, das der Kölner Architekt Otto Scheib für ein spitz zulaufendes Grundstück mit gezackter Grundstruktur entwarf.

Die reduzierten Gegenstücke im gleichen Stil sind der Hauptbahnhof, eine Gemeinschaftsarbeit des Oberhausener Architekten Schwingel und des Reichsbahnoberrats Karl Herrmann, sowie das ehemalige Arbeitsamt der Stadt, entworfen von Stadtbaumeister Ludwig Freitag und Stadtplaner Eduard Jüngerich.

„Neues Bauen“ in Essen: Zollverein, Gruga-Turm, Lichtburg

Der Grugaturm mitten auf dem Gelände des 1929 errichteten Grugaparks ist so ein Gebäude, das zeigt, wie sehr der Bauhaus-Stil in der Luft lag. Entworfen vom Krefelder Architekten Paul Portten, wurden vom Turm aus Radiomusiksendungen und später auch Filme in die Gruga übertragen.

Das Stichwort „Neues Bauen“ trifft auch auf das schmucklose, aber wohlproportionierte Gebäude des Lichtburg-Kinos in der Stadtmitte. Ähnliches gilt für die in kühler Rationalität und Rechtwinkligkeit entworfenen Anlagen von Schacht XII der Zeche Zollverein, deren Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer zwar keine Berührung mit dem Bauhaus hatten, aber in Katernberg die Prinzipien der weitestmöglichen Reduktion, der Schmucklosigkeit und der rechten Winkel fast eisern umsetzten.

Ganz anders wirkt die Auferstehungskirche im Essener Südostviertel von Otto Bartning, die wegen ihrer kreisrunden Form auch „Tortenkirche“ genannt wurde. Der 30 Meter hohe und breite Bau (1930) wird von einem Kruppstahl-Skelett getragen.

Architekt Otto Bartning hatte mit dem ersten Bauhaus-Direktor Walter Gropius zusammen „Vorschläge zu einem Lehrplan für Handwerker, Architekten und bildende Künstler“ erarbeitet, die zur Grundlage für die Organisation des Bauhauses in Weimar werden sollten.

Drei Villen und eine Fabrik in Krefeld

Wer Bauhaus pur ganz in der Nähe sehen will, muss nach Krefeld, an die villengesäumte Wilhelmshofallee. Und bekommt gleich das Klischee korrigiert, Bauhaus-Bauten seien immer weiß. Nein, zu den nahen Geschwistern dieser Architektur zählt eben auch der Backstein-Expressionismus, der in Großstädten wie Düsseldorf, Oberhausen und Essen mit großen Ensembles vertreten ist. Für die Seidenfabrikanten Josef Esters und Hermann Lange entwarf der Star-Architekt Mies van der Rohe rechteckige, langgestreckte Wohnhäuser mit einem Stahlgerüst (das große Fensterfronten und damit Fluten von Tageslicht ermöglichte), das mit dunkelroten Backsteinen ausgekleidet wurde.

Momentan sind beide Häuser, die normalerweise für Kunstausstellungen und von Mies-van-der-Rohe-Stipendiaten der Stadt genutzt werden, fast vollständig ausgeräumt und so weit wie möglich in den Ursprungszustand versetzt. So kommt das klug Durchdachte dieser Architektur zur Geltung, die Großzügigkeit der Raumhöhe von 3,20 Metern, die Falt- und Schiebetüren, die erlaubten, das Haus als fließenden Großraum zu erleben oder, bei Bedarf, abgeschlossene Einheiten zu schaffen. Im Haus Lange war das größte, hellste Zimmer mit Blick in den überaus großzügigen Garten für Kinder reserviert. In allen Zimmern ringsum Bilderleisten – Kunst war allgegenwärtig in diesen Räumen, die durchweg mit Parkettböden ausgestattet sind: kunstvoll im Quadratmuster verlegte französische Kastanie hier, Eiche im Fischgrätmuster dort.

Lange und Esters beließen es allerdings nicht bei Wohnhäusern für ihre Familien, auch ihr Gemeinschaftsunternehmen Verseidag bekam einen Bauhaus-Palast, diesmal im Bauhaus-Weiß, mit viel Glas und Stahl. Die Krefelder haben nach der gekonnten Restaurierung gleich einen „Mies van der Rohe Businesspark“ daraus gemacht.

Willi Kaiser, ein Schüler des Star-Architekten, der auch den Bau von Haus Esters und Haus Lange betreut hat, entwarf wahrscheinlich ein viertes Bauhaus-Gebäude in Krefeld: das Landhaus des Krawattenfabrikanten Karl Heusgen, nach dem es auch benannt ist.

Bauhaus mit Rätsel: Landhaus Ilse in Burbach

Das Landhaus Ilse im Südwestzipfel von NRW ist eine Mischung aus Kuriosum und Juwel. Deutlich zu erkennen ist, dass jenes „Haus am Horn“ in Weimar Vorbild war, das 1923 von Georg Muche zur ersten großen Bauhaus-Ausstellung in Weimar errichtet wurde – und das einzige Haus bleiben sollte, das hier in diesem Stil errichtet wurde. „Eine Art Atriumhaus für eine drei-bis vierköpfige Familie ohne Bedienstete“: in der Mitte ein quadratisches
Wohnzimmer, drumherum gruppieren sich Flur, Küche, Bad, Ess- und Gästezimmer.

Das Landhaus Ilse, benannt nach der Tochter des Bauherrn und Firmendirektors Willi Grobleben, wurde Ende 1924 bezogen und entspricht Muches Planungen sehr viel genauer als der Bau in Weimar. Unklar ist noch, wie es geplant wurde. Derzeit gehört es der Gemeinde, die künftige Nutzung ist noch offen.

>>> Bauhaus-Ausstellungen an Rhein und Ruhr

„Wechselwirkungen“. Meister und Gesellen des Bauhauses zwischen Werkstatt und Industrie. Hetjens Museum Düsseldorf. Bis 12. Mai.

„Leuchten der Moderne“. Glasproduktion im Licht des Bauhauses. LWL-Industriemuseum Glashütte Gernheim. Bis 25. August.

„Bauhaus und Industrie in Krefeld“. Krefeld-Pavillon von Thomas Schütte (Kaiserpark Wilhelmshofallee, 300 m von Haus Lange / Haus Esters entfernt). 7. April bis 28. Oktober.

„2 von 14“. Zwei Kölnerinnen am Bauhaus: Margarete Heymann-Loebenstein und Marianne Ahlfeld-Heymann. 12. April bis-11. August, Museum für angewandte Kunst Köln.

„Zwischen Bauhaus und Diktatur“ . Die zwanziger Jahre in Hagen. Osthaus Museum Hagen, 13. April bis 2. Juni.

„Vor dem Bauhaus: Osthaus“. Baukunstarchiv NRW Dortmund. 6. September bis 20. Oktober.

„Aufbruch in die Moderne“. Der junge Josef Albers. Bottroper Quadrat, 22. September 2019 bis 12. Januar 2020

„Folklore und Avantgarde“. Die Rezeption von Volkskunst und Traditionen im Zeitalter der Moderne. Kaiser-Wilhelm-Museum Krefeld. 11. Oktober bis 15. Februar 2020.

„Oskar Schlemmer: 100 Jahre Bauhaus“. Lehmbruck Museum Duisburg. 10. November bis 17. Februar 2020.

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