Interview

„Zur Belohnung auch mal ein Mettbrötchen“

„Ja, ist denn schon wieder Weihnachten.“ Am für Minuten schweigenden Staunen merkte man Buchautor und Kabarettist Frank Goosen wohl deutlich seine Überraschung über das winterlich geschmückte Iserlohner Parktheater an.

„Ja, ist denn schon wieder Weihnachten.“ Am für Minuten schweigenden Staunen merkte man Buchautor und Kabarettist Frank Goosen wohl deutlich seine Überraschung über das winterlich geschmückte Iserlohner Parktheater an.

Foto: Thomas Reunert

Iserlohn.   Hört man dem Ruhrpott-Kind Frank Goosen zu, taucht man ganz spielerisch in den Welt des gesunden Menschenverstandes ein.

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Heute also mal ein Gespräch mit Frank Goosen. Über Gott und die Welt, Fußball und Demokratie, Migration und Mettbrötchen. Als wir uns an diesem Dezemberabend im Iserlohner Parktheater treffen, ist da im Foyer noch „volle Pulle“ Weihnachten. Auf der Suche nach einem „schönen Fotto-Motiv“ staunt der Bochumer Literat und Kabarettist nicht schlecht, welcher Aufwand zur Erreichung eines Höchstmaßes von winterlicher Heimeligkeit in Iserlohn betrieben wird. Wie übrigens schon eine Stunde zuvor, als er in der Künstler-Garderobe nicht einen einzigen Kleiderhaken für seinen Sakko-Bügel gefunden hat. „Dat hamse auch noch nich erlebt, oder?“ Frank Goosen ist keiner, der im Interview eigentlich nur Teile seines Programms aufsagt. Der Mann hat auch Meinungen, die nicht brüllend komisch sind oder wenigstens möglichst hintersinnig ironisch. Was Goosen sagt, klingt ehrlich. Manchmal nüchtern, dann wieder betroffen. Irgendwie auch nach Bochum, Arbeiterfamilie, Stehplatz beim Fußball und handgemachte Curry-Wurst statt Sterneküche-Gefummel. An anderer Stelle hat er gesagt, es mache ihm Spaß, „auf manchen Sachen so richtig rumzudenken“. Übrigens: Wie sich das in voller Länge anhört, gibt’s als Podcast auf www.ikz-online.de. Als dann!
Interview mit dem Kabarettisten Frank Goosen

Haben Sie heute schon auf irgendetwas so richtig „rumgedacht“?

Ich habe gerade heute in der Tat rumgedacht auf unserem nächsten Sommerurlaub. Wir gucken uns seit ein paar Tagen alle möglichen Häuser an, und ich suche Flugverbindungen nach – wahrscheinlich – Lanzarote. Da hab ich wirklich drauf rumgedacht, was für mich in einem Ferienhaus wichtig ist und was nicht. Und für die Kinder. Und ich sage Ihnen, das schlaucht auch richtig.

Wenn Sie an Ihre Kindheit zurückdenken, welcher Gedanke, welche Erinnerung kommt Ihnen sofort in den Sinn?

Viel zu viel. Eher so ein ganzer Wust an Erinnerungen. Auch, dass das Wetter besser war. Vielleicht, weil ich so eine sonnige Kindheit hatte. Was aber beim Wetter historisch bewiesen so auch ja gar nicht stimmt. Ich denke an die Wohnungen, in denen wir gewohnt haben. Ich habe ja viel Zeit an den Wochenenden bei meinen Großeltern verbracht. Die hatten eine Dienstwohnung im Bochumer Rathaus. Das war natürlich total spannend für mich als kleines Kind, weil ich dann auch am Wochenende mit dem Skateboard über die Flure donnern konnte. Und wo ich eben beim Urlaub war, fallen mir auch die paar wenigen Urlaube ein, die ich mit meinen Eltern gemacht habe. Anfang der 70er Jahre. Ich habe neulich noch im Internet nach dem Hotel gesucht, bei dem wir abgestiegen sind. Den Namen konnte ich mir merken. Ich habe es auch gefunden, und es sieht auf der Internetseite heute noch genau so aus. Mit roten Blumen an der Fassade.

Hört sich nach Italien an?

Nee, das war tatsächlich Llloret de Mar. Aber bevor das richtig durchgestartet ist als Touristen-Hochburg. Ich glaube. Das war sogar das Hotel, in dem ich Schwimmen gelernt habe.

Was war der beste Rat Ihrer Eltern?

Es gab einen ganz handfesten Rat von meinem Vater, der mir ansonsten nie reingeredet hat, was ich beruflich machen soll, als ich Mitte zwanzig war. Er hat mich immer machen lassen, hat mich mit viel Vertrauen und Freiheit großgezogen. Mein Vater ist ja mit Anfang 50 gestorben, hat extrem viel gearbeitet und zu wenig in die Rente eingezahlt. Meine Eltern waren beide krank, hatten ganz wenig Geld und ich habe damals noch nichts verdient. Und der wichtigste Rat von Papa war damals: Mach wat für Deine Rente! Und das ist ja in meinem Job nicht immer so verbreitet. Man darf eine Pubertät verlängern bis Anfang Dreißig und kümmert sich um diesen ganze Krempel nicht. Aber das war wirklich das einzige, was meinen Vater umgetrieben hat. Ich sollte da nicht irgendwann sitzen und auch nur ein paar Mark Rente haben.

Was haben Ihre Lehrer oder Professoren über Sie gesagt?

Da müssen Sie die eigentlich selbst fragen, das weiß ich nicht. Obwohl… Das stimmt auch nicht so ganz. Ich weiß von einem was. Ich glaube, ich bin vielen Lehrern total auf die Nerven gegangen. In der Schule war ich anders als in der Uni. Ich war einer, der immer im Mittelpunkt stehen wollte. Ich war nicht unbedingt der Rebell und gegen das System. Ich weiß, dass der Deutschlehrer, den ich in der Oberstufe hatte, einerseits einen Teil seiner grauen Haare mir verdankt, weil ich zum Beispiel in der Theater-AG sehr undiszipliniert war und immer gesagt habe: Wer Texte auswendig lernt, ist nur zu faul oder zu blöd zum Improvisieren. Aber er wusste doch, dass ich bei den Vorstellungen immer voll da war. Es gibt sogar einen offenen Brief zum Zehnjährigen der Theater AG, in dem er das noch einmal auf den Punkt bringt. Er hat meine Deutsch-Klausuren immer sehr schön kommentiert. Ich habe auch mal eine lange Abhandlung über anarchische Komik und meine Komik von ihm bekommen. Ich hatte einige Lehrer aus dem 68er-Umfeld, die ganz toll waren, die ganz ernst damit gemacht haben, uns als Schülerinnen und Schüler ernst zu nehmen. Es gab natürlich auch die, die Machtspielchen gemacht und versucht haben, uns mit Ironie und Sarkasmus fertigzumachen.

Auf wen hören Sie?

Ich höre auf meine Frau natürlich (schmunzelt leicht und leise). Wenn Ihre Argumente gut sind. Ich lege sehr viel Wert auf die professionelle Meinung meiner Managerin. Und ich hab ein, zwei, drei gute Freunde, deren Meinung mir sehr wichtig ist. Aber es sind viele Frauen dabei. Ich habe instinktives Vertrauen zu Frauen.

Welche Bedeutung hat „Geld“ für Sie?

Geld beruhigt. Das finde ich gut. Ich bin ja so ein klassischer sozialer Aufsteiger, meine Eltern hatten sehr wenig Geld. Aber trotzdem musste ich nie richtig arbeiten, war als Einzelkind immer versorgt. Aber ich habe gelernt, das nie selbstverständlich zu nehmen. Aber man hat das ja oft, wenn Leute aus kleinbürgerlich proletarischen Verhältnissen kommen – die haben das eben auch ganz gerne, wenn andere mitbekommen, dass man es geschafft hat. Von dem Gefühl kann ich mich auch nicht ganz freimachen.

Ihr persönliches Lieblingsgericht?

Weiß ich nicht, ich bin kein Gourmet. Ich könnte keins rausnehmen. Ich esse gern Pasta, das ist klar. Wenn ich mich belohnen will, kann es auch mal ein Mettbrötchen sein. Oder ein Frikadelle.

Und welches Gericht ist nach Ihrer Meinung wirklich ruhrgebietlerisch?

Ach Gott, am liebsten möchte ich gar keine Frage mehr beantworten mit „Was ist typisch Ruhrgebiet?“ oder „Wie sind die Leute drauf?“ oder „Was ist das Ruhrgebiet?“ Diese ganzen Verallgemeinerungen. Für die einen ist es Panhas am Schwenkmast, für die anderen Döner. Das ist mir scheißegal.

Gehören Sie auch zu denen, die in diesen Tagen versuchen, ihren Fleischkonsum zu reduzieren?

Das habe ich sowieso schon vor Jahren gemacht. Es ist ja einfach gesünder, nicht jeden Tag Fleisch zu essen. Früher, wenn die Männer so viel gearbeitet haben, dann brauchten sie natürlich Fleisch und Eisen und Fett. Für dat, wat ich so rumsitze, brauche ich das ja nicht. Aber ich vermeide es ja jetzt auch nicht krampfhaft.

Hat die Natur gegen uns Menschen zukünftig überhaupt eine Chance?

Nein!

Der Volksmund sagt, Kinder seien ein Geschenk Gottes. Wissen wir dieses Geschenk zu würdigen?

Ich weiß nicht, ob man da gleich Gott mit ins Spiel bringen soll, aber ich weiß, dass ich ohne meine Kinder kein Leben hätte. Wo immer das herkommt, das ist schon ein Geschenk, ohne dass ich nicht leben könnte.

Bei welchem Hobby darf man Sie auf gar keinen Fall stören?

Ich lese natürlich sehr viel, aber ich habe in dem Sinne keine Hobbys. Ich mache keine Laubsägearbeiten. Bei mir dreht sich eigentlich alles um Literatur. Auch privat. Ich war auch eine Zeit lang Jugendtrainer in der kleinen Fußballmannschaft von meinem älteren Sohn. Da blieb für Hobbys sowieso keine Zeit mehr. Und ich habe jetzt angefangen mit Schwimmen. Für den Rücken. Und da werde ich nicht gerne bei gestört. Wenn ich den anderen ausweichen muss, habe ich schon keine Lust mehr. Ich will auch beim Schwimmen nicht reden. Und beim Schreiben auch nicht.

Was passiert, wenn man Ihnen Ihr Auto wegnehmen würde?

Dann würde ich zusehen, dass ich ein anderes kriege. Ich habe keine emotionale Beziehung zu Autos. Aber ich hätte natürlich Probleme von A nach B zu kommen.

Das meint natürlich auch die Frage. Wären Sie willens oder kreativ genug, das zu meistern? Mit öffentlichem Nahverkehr?

Öffentlicher Nahverkehr im Ruhrgebiet. Das ist der erste Gag des Abends. Wunderbar! Das Problem ist aber, dass ich das Auto beruflich brauche. In der Bochumer Innenstadt kann ich eine Viertelstunde rumlaufen, das geht. Was ich übrigens auch mache. Natürlich hätte ich auch nach Iserlohn ins Theater mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommen können, der Bahnhof ist ja nicht weit weg, aber komm dann mal wieder nach Hause… Das dauert – wenn es überhaupt geht - Stunden und das ist einfach Lebenszeit, die ich lieber Zuhause verbringe.

Gibt es einen Politiker oder eine Politikerin, dem oder der Sie in Deutschland wirklich zutiefst vertrauen können?

Nein (lacht). Ich muss deshalb lachen, weil das in Deutschland eine völlig falsche Vorstellung ist, dass man Politikern vertrauen sollte. Vertrauen muss man dem guten Führer in einer Diktatur. Das Kennzeichen von Demokratie ist Transparenz und Kontrolle und deswegen will ich die Frage nach dem Vertrauen gar nicht erst gestellt bekommen. Die müssen in erster Linie kontrolliert werden. Von einer freien Presse. Und von uns als Wählerinnen und Wählern. Dann muss man die Frage nach dem Vertrauen gar nicht erst stellen.

Ist es für Ihr großes Fußballer-Herz schlimm bzw. waren Sie Infarkt-gefährdet, dass Deutschland so früh bei der WM ausgeschieden ist?

Überhaupt nicht, weil die Nationalmannschaft mich so gut wie gar nicht interessiert. Ich bin da so etwas wie Event-Fan. Ich lebe so viel Fußball in meinem Leben, war vier Jahre lang Jugendtrainer und sieben Jahre lang im Vorstand von VfL Bochum. Die Vereinsmannschaft ist für die meisten Fußballfans viel, viel wichtiger als die Nationalmannschaft. Dieser ganze schwarz-rot-goldene Rausch war mir immer suspekt.

2019 jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal, haben Sie bis 1989 an die Wiedervereinigung geglaubt?

Nein. Allerdings interessiert mich das Thema so sehr, dass mein nächster Roman, der im Februar rauskommt, im zweiten Halbjahr 1982 spielt. Es ist eine Komödie mit dem Kernpersonal meines letzten Romans „Förster, mein Förster“. Große Teile davon spielen in Berlin und Ost-Berlin. Die Wiedervereinigung ist schon das Ereignis meiner Generation, aber ich thematisiere in dem Buch auch, dass wir alle nicht daran geglaubt haben. Auch deshalb, weil wir, also ich, gar keine Verwandten in der DDR hatten, wir hatten gar keine Beziehung dazu.

Und? Hat die Wiedervereinigung denn bis heute geklappt?

Es ist ja keine Wiedervereinigung. Es ist eine Vereinigung von zwei Teilen, die so noch nie zusammen waren. Und wir sehen ja auch, dass das nicht so richtig geklappt hat. Es wäre wohl besser gewesen, man hätte sich damals zusammengesetzt und gesagt: Leute, wir erarbeiten jetzt eine neue Verfassung für ein Staatsgebilde, das gerade entsteht. Dann wäre eine Diskussion zustande gekommen, an der auch der Osten hoffentlich viel stärker beteiligt gewesen wäre. So sind die einfach dem Geltungsbereich des Grundgesetzes beigetreten und der Osten war für den Westen in erster Linie ein Absatzmarkt. Ich habe mal in einer Dokumentation einen klugen Satz gehört: „Niemand möchte die DDR zurück haben, aber es möchte auch niemand ohne Vergangenheit leben.“

Wann könnte man Sie in einer Kirche antreffen? Nie? Weihnachten? Öfters?

Vermutlich Weihnachten, weil ich nicht den Mut habe, meiner Frau zu sagen, dass ich nicht mitgehen möchte. Ich mache das Ritual mit.

Teilen Sie die Sorge vieler Deutschen, dass unser Land überfremdet wird? Dass Multikulti uns auffrisst?

Nein. Dieses Schlagwort „Multikulti“ hat so etwas Abwertendes. Es gibt ja gar keine Alternative dazu, sich damit zu befassen, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenleben müssen. Gerade im Ruhrgebiet hat man das ja auch immer gut hinbekommen. Wir haben aber noch kein Konzept dafür, wie das mit den globalen Migrationsbewegungen jetzt aussieht. Das sind ja nicht nur kriegsgetriebene Migrationen. Wenn irgendwo Krieg ist, ist das einfach - dann kann man die Leute aufnehmen. Aber wir haben ja ein systemisches Problem: die Weltwirtschaft basiert darauf, dass andere arm sind, damit wir reich sind. Ich sage aber auch nicht, dass ich mich über jeden, der hierhin kommt, freue. Es gibt kulturelle Unterschiede, die bei Einzelnen zu Verhaltensweisen führen, die ich hier nicht sehen will. Aber Grundsätzlich gilt: es gibt keine einfachen Antworten auf komplizierte Fragen. Und das hier ist eine komplizierte Frage.

Nur noch mal für mich zum Verständnis: Sie sehen auf der Bühne eine rassistische Verbindung zwischen Kopftuchträgerinnen und Landbroten. Helfen Sie mir da weiter?

(lacht laut los) Wenn das jetzt so in der Zeitung steht, kriegen die das in den falschen Hals. Ich habe oder sehe da natürlich keine rassistische Verbindung. In meinem Programm habe ich eine ziemlich zugespitzte Nummer, wo ein bestimmter Typ da eine Parallele herstellt.

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